Faust 2 Teil (basiert auf Kindlers Literaturlexikon)

1.Akt (Kaiser)
Die Handlung dieses Teils setzt in einer Hochgebirgsszenerie völlig neu ein. Faust erwacht als ein von schwerer seelischer Zerrüttung Genesener aus dem Schlaf des Vergessens.
 - Nach diesem Vorspiel tritt Faust, nun wieder in Begleitung Mephistos, am kaiserlichen Hof auf, in der Welt politisch-sozialen Handelns. In einem allegorischen Maskenzug, an dem Faust als Pluto, Gott des Reichtums, teilnimmt, weitet sich die Szene zum bunten Bild des menschlichen Lebens. Am Beispiel des plutonischen Goldes, des legitimen Reichtums, dem die Poesie zugesellt ist, und dem Gegenbeispiel des inflationistischen Papiergeldes, mit dem Mephisto die Finanzmisere des Staates beheben zu können vorgibt, wird das Verhältnis des Menschen zu Besitz und Macht  erhellt.
- Auf Wunsch des Kaisers beschwört Faust die Urbilder menschlicher Schönheit. Paris und Helena. Faust beschwört das antike Paar  mit Hilfe eines Dreifußes, den er, von Mephisto mit einem Zauberschlüssel versehen, aus dem « Reich der Mütter » heraufholt. Hingerissen von der Schönheit Helenas. will er die Truggestalt an sich ziehen, doch ein betäubender Schlag streckt ihn zu Boden. Der Versuch, die Schönheit der hellenischen Klassik gewaltsam in die Gegenwart zu zwingen, kann nicht gelingen.

2.Akt
Homunculus, Klassische Walpurgisnacht
- Der folgende Akt bereitet das Erscheinen der wiedergeborenen wahren Gestalt Helenas vor, in deren Begegnung mit Faust sich das Drama zu einem seiner Gipfel erhebt.
Der Beginn des zweiten Akts zeigt das alte Studierzimmer Fausts. Ein ironischer Dialog zwischen dem als Gelehrter verkleideten Mephisto und dem zum Baccalaureus aufgerückten Studenten knüpft an die Schülerszene des ersten Teils an. Wagner, der zu hohen akademischen Ehren gelangte Famulus Fausts, erzeugt im Laboratorium ein »artig Männlein« in einer Phiole, Homunculus. Das Experiment wird durch Mephistos Hinzutreten auf nicht näher bezeichnete Weise vollendet. Faust wohnt dem Vorgang bei, auf einem Lager bewußtlos hingestreckt. Homunculus erkennt Fausts Sehnsucht nach dem Urbild griechischer Schönheit und wird nun, ihm und Mephisto in seiner Phiole voranschwebend, Wegweiser zur »klassi-schen« Walpurgisnacht. In dieser Nacht geht jeder der drei Partner seinen eigenen Weg. Mephisto, der sich auf klassischem Boden nicht zu Hause fühlt, verwandelt sich in Phorkyas, die urhäßliche Ungestalt. Faust macht sich, von Chiron geleitet, auf, um Helena im Hades von Persephone zu erbitten. Homunculus stürzt sich, seine Verleiblichung suchend, ins Meer, wo die gläserne Hülle seiner schwebenden Geistigkeit am Triumphwagen der Liebesgöttin Galatea zerschellt. Das Fest des Eros am Ende der Walpurgisnacht war wie ein Zeugen des Schönen. Und jetzt ist es gleichsam geboren.

3. Akt (Helena)
-Helena ist erschienen (E. Trunz) Sie betritt, vom Strande kommend, griechischen Boden. Helena, die mit einem Gefolge gefangener trojanischer Mädchen nach Mykene zurückkehrt und dort der Phorkyas, Verwalterin des verlassenen Palastes, begegnet, repräsentiert die Welt des antiken Griechenland; Faust, der als germanischer Heerführer das herrenlose Sparta besetzt hat, die des nordischen Mittelalters. In der Begegnung zwischen ihm und Helena, die aus Furcht vor Menelaosí Rache mit ihrem Gefolge unter Phorkyas' Führung in Fausts Burg flüchtete, vollzieht sich die Synthese zwischen der seelischen Erlebniskraft des romantischen Nordens und dem Formsinn der griechischen Klassik. In einem Dialog erlernt Faust von Helena die Kunst des Reimens -  Symbol des inneren Einklangs -. Der Vereinigung entspringt ein Sohn, Euphorion. Sein feuriger Erlebnisdrang, sein todestrunkener Höhenflug lassen ihn als den Genius der Poesie erscheinen. Übermütig fliegt er einer Schlacht entgegen, stürzt aber ab. Helena folgt ihrem Sohn in den Tod. Faust bleibt nur ihr Gewand, das sich zur Wolke wandelt und ihn hinwegträgt.

4.Akt: Kaiserlicher Heerführer
- Auf einem Hochgebirge kehrt er zur Erde zurück. Wieder setzt das Drama ganz neu ein. Es drängt Faust zu « großen Taten »: er will dem Meer durch Dammbauten fruchtbares Land abzwingen. Mit Hilfe der drei Gewaltigen - Raufebold, Habebald und Haltefest -, von Mephisto bestellter dämonischer Kreaturen, führt er in einer Schlacht zwischen dem kaiserlichen Heer und dem des Gegenkaisers den Sieg des angestammten Herrschers herbei und wird zum Dank mit einem Küstenstreifen belehnt, an dem er seinen Plan zu verwirklichen beginnt.

5. Akt: Tod und Erlösung
Die Hütte des friedlichen alten Paares Philemon und Baucis, die seinem Anspruch auf uneingeschränktes Verfügungsrecht im Wege ist, wird von Mephistos Helfershelfern, mittelbar jedoch durch Fausts Schuld, niedergebrannt, wobei die beiden unschuldigen Alten den Tod finden. Noch einmal  wird, wie in den Gretchen-Szenen, die Zwiespältigkeit der faustischen Natur sichtbar. Im Sinne einer moralischen Vervollkommnung ist Faust keinen Schritt weiter als am Anfang. Aber in den Worten, die wie der späte Widerruf seines Wunsches nach einem Zaubermantel klingen, kündigt sich das Ende seiner Bindung an Mephisto an:

»Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,

Stünd' ich, Natur, vor dir ein Mann allein,
Da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein."

 Hundertjährig, von der Sorge, die ihn mit Blindheit schlägt, heimgesucht, treibt Faust dennoch ungebrochen sein Werk voran, während schon die Lemuren unter Mephistos makaber ironischer Anleitung sein Grab schaufeln. Im Wahn, das große Unternehmen gehe seiner Vollendung entgegen", das Geklirr der Spaten« gelte dem »unternommenen Graben, bekennt er, den Augenblick höchsten Glücks zu genießen:

»Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,
Auf freiem Grund mit  freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdentagen
Nicht in Äonen untergehn. -
Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick.«

Damit ist nach dem Wortlaut des Vertrages sein Leben verwirkt und seine Seele in Mephistos Gewalt  gegeben. Faust sinkt tot nieder, und Mephisto wacht mit seinen satanischen Gehilfen an seiner Leiche, um der den Körper verlassenden Seele habhaft zu werden. Er glaubt, die Wette gewonnen zu haben, doch eine himmlische Heerschar schwebt rosenstreuend hernieder und entführt Fausts »Unsterb-liches«.
 Hier spricht der Chor der Engel die Verse, in denen, nach Goethes eigenen - von anderen Äußerungen allerdings widerlegten Worten »der Schlüssel zu Fausts Rettung enthalten« ist (Goethe zu Eckermann, 6. 6. 1831):

»Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.«
 Dem Streben nach »immer höherer und reinerer Tätigkeit« kommt »von oben« die Liebe (Gretchen) helfend entgegen:

Neige, neige
Du Ohnegleiche,
Du Strahlenreiche,
Dein Antlitz gnädig meinem Glück.
Der früh Geliebte,
Nichtmehr Getrübte, Er kommt zurück.
...
Vergönne mir, Ihn zu belehren,
Noch blendet ihn der neue Tag.

Die Schlussverse von Faust 2 lauten:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis
Das Unzulängliche,
Hier wirdís Ereignis:
Das Unbeschreibliche,
Hier istís getan
Das Ewig-Weibliche
Zieht und hinan.