Textsorten:
epische Untergattungen
zusgest. Hk aus Herder Lexikon Literatur 1

Roman
urspr. ein Schriftwerk, das nicht mehr in der lat. Hochsprache, sondern in der lingua romana, der romanischen Volkssprache, verfaßt ist. In Dtl. ist das Wort R. erst seit dem 17. Jh. gebräuchlich. Gegenüber dem Epos gibt der R. den Versrhythmus auf u. geht zur Prosa über (Verserzählung als Zwischenstufe); inhaltl. wird im R., dessen Geschichte in der Antike mit phantast. Abenteuer- u. Liebes-Romanen (Erotische Literatur) beginnt, die dem Epos zugehörige myth. Götterwelt preisgegeben u. der Held aus den kosm.-myth. Zusammenhängen losgelöst; es kommt zur Selbstentdeckung des Ichs (seit dem Renaissance- u. Barock-R.) auf allen Stufen (bis - im modernen R. - zur Darstellung des Unbewußten). Der R. hat hinsichtl. seiner besonderen Kunstform eigene, freil. nicht genau fixierbare Formgesetze, die vom Wandel der ästhet. Anschauungen abhängig sind. So haben sich Theorien des R. ergeben, die v. der ältesten des frz. Bischofs Huet (Traité de l'origine des romans, 1670) u. der ersten dt. des C. F. v. Blankenburg ( Versuche über den R..,1774) über die Romantiker u. F. v. Spielhagen bis zur Gegenwart (G. Lukacs u.a.) ein Wesensbild des R. zu entwerfen versuchen. Einteilungen sind nach verschiedensten Gesichtspunkten mögl. (stofflich: hist., utop., Staats-, Schäfer-, Abenteuer-, Kriminal-, Liebes-, Ehe-, Frauen-, Familien-, Gesellschafts-R.; nach der Form: z. B. Brief-R.); hist. größere Bedeutung haben bes. der Schelmenroman, der Entwicklungs- u. Bildungs-R., der psychol. gesellschaftl. R. Dieser wurde von Stendhal, Balzac u. Flaubert in Frankreich wie im betont realist. Stil in England ausgebildet; in Rußland: Gogol, Turgenjew, Tolstoj, Dostojewskij; Nachwirkungen besonders im amerikanischen Roman bis heute. Im 20. Jh. neben zahlreichen der Tradition zugehörigen Werke Wandlungen u. Erweiterungen der R.form besonders durch Proust, Conrad, Joyce, Kafka, V. Woolf, Faulkner, Musil; besonders bedeutsam: neue Durchleuchtung des Bewußtseins; veränderter Standpunkt des Erzählers (ironisch, distanziert, reflektierend); Wechsel u. gegenseitige Brechung der Erzählperspektive; akontinuierliche Erzählweise; Zurücktreten v. Handlung, Eindringen essayist. Elemente; charakterist. etwa der nouveau roman.

Novelle
meist prosaepische Dichtung (auch Vers-N.), durch Knappheit, strengen Aufbau, objektive Erzählweise gekennzeichnet; geht aus von einer "unerhörten Begebenheit" (Goethe) oder einem "Lebenskonflikt" (Storm), der "das Ganze der N. bestimmt u. seine Teile organisiert"; entfaltet sich in "Wendepunkten" (Tieck); durch den Vorrang der Handlung wird ein dramat. Charakter erreicht; häufig ist auch die Rahmenerzählung. In nahezu allen Literaturen heimisch, entfaltete sich die N. in der Renaissance, bes. in den romanischen Ländern, als Kunstform der Gesellschaftskultur (1). In Dtl. während des Barocks u. der Aufklärung als Vers-N. ausgebildet, wurde sie v. Goethe, Kleist u. den Romantikern (u.a. Tieck, Brentano, Eichendorff) in veränderter Form weiterentwickelt; hatte bisher die N. in einer pointierten Erz. bestanden, so wurde nun unter Einfluß der theoret. Begriffsbestimmung u. Reflexion über die Novelle (2)  unter Beibehaltung der strengen Architektur besonders die seel. Vertiefung der Handlung gefordert  und schließl., beginnend mit Kleist u. E.T.A. Hoffmann, die Menschengestaltung in der realist. Novelle (3) in den Vordergrund gerückt. In den romanischen u. russischen Novellen des 19.Jh. (Mérimée, Daudet, Maupassant; Gogol, Leskow, Tolstoj, Tschechow) allmähl. Wendung zur Psychologie, ebenfalls im Naturalismus u. Impressionismus (Schnitzler, S. Zweig, Th. Mann, Hofmannsthal); in der Gegenwart Zurücktreten der N. zugunsten der Erzählung im weiteren Sinn. Novellino: älteste it. Novellen-Sammlung, anonym, Ende 13. Jh.; 100 Novellen mit antiken, bibl. u. zeitgenöss. Stoffen. Forderung nach lit. Gestaltung der N. (im Ggs. zu groben Effekten) bei Symbolismus (P. Verlaine) u. Impressionismus.

(1) (Boccaccios "Decamerone", das "Heptameron" der Margarete v. Navarra, Chaucers "Canterbury Tales" u. Cervantes' N.n)
(2) bes. durch Goethe, die Bruder Schlegel, Tieck; im 19. Jh. trat Paul Heyse mit seiner an Boccaccio orientierten "Falkentheorie"- Forderung eines dingl. Leitmotivs hervor.
(3) Grillparzer, Stifter, Droste-Hülshoff, G. Keller, C. F. Meyer, Storm, F. v. Saar, M. v. Ebner-Eschenbach

Sage
Volkssage, mdl. überlieferte Erz., oft an geschichtl. Ereignisse oder Personen anknüpfend durch die Volksphantasie umgestaltet u. umgedeutet. Gemeinsam hat sie mit dem Märchen oft das Eingreifen dämon.-jenseitiger Mächte (etwa v. Naturmächten, Riesen), ist aber an einen bestimmten Ort u. bestimmte Personen gebunden, im Ausgang oft düster. Sagen, die sich bei verschiedenen Völkern bzw. in verschiedenen Landschaften in ähnl. Weise finden, heißen Wander-Sagen. Sagen sind erst seit dem 17. Jh. gesammelt worden. Begründer der dt. Sagenforschung sind die Brüder Grimm. auch: Heldensagen. Sammlungen: J. u. W. Grimm, Dt. S.n; Dt. Sagenbuch, hg. v. F. von der Leyen, F. Ranke, K. Wehrhaus (4 Bde); Dt. Sagenschatz, hg. v. P. Zaunert (12 Bde).

Märchen
Form ep. Dichtung, meist in Prosa; Erz. v. realen in Verbindung mit wunderbaren Begebenheiten, stark phantasiebestimmt, im Unbewußten u. in Mythen wurzelnd; charakterist. sind die Verbindung aller Naturbereiche u. übernatürl. Wesen mit den Figuren u. Motive wie Metamorphose; trotz häufig schreckensvoller Handlung ist der Ausgang fast immer gut (Belohnung der Guten, Bestrafung der Bösen). - Das M. ist urspr. Volks-M. Der Orient ist bes. reich an M.; v. dort kamen sie schon vor u. im MA (Kreuzzüge) ins Abendland. - Früheste Slg. in It. v. Straparola (1550), Basile (1674), in Fkr. v. Perrault (17. Jh.). Gallands frz. Übersetzung machte die M. v. tausendundeiner Nacht (im Morgenland seit dem 9. Jh.) im Abendland bekannt. Von kelt. Überlieferung beeinflußt, entwickelte sich in Engl., Irland u. Schottland eine eigene M.art. Reiche Entfaltung bei den Slawen u. in den Alpenländern. Erste eigentl. Volks-M.-SIg. in Dtl., auf Anregung v. C. Brentano, durch die Brüder Grimm, die, v. Herders Theorie des Volks-M. angeregt, die wiss. M.forschung einleiteten.- Das Kunst-M. ist das Werk eines bestimmten Dichters, der Erzähltechnik und Motive des Volks-M. übernimmt. Es beginnt mit iron.-satir. Erz. der Rokoko-Dichtung Fkr.s ("Cabinet des Fees"); ähnl. M. von Wieland u. Musaus; zentrale Form der Dichtung in der Romantik; bedeutendste M.dichter der Folgezeit: W. Hauff, H. Chr. Andersen. Zum Begriff des Volksmärchens gehört, daß es längere Zeit in mündlicher Tradition gelebt hat und durch sie mitgeformt worden ist, während man das Kunstmärchen zur Individualliteratur rechnet, geschaffen von einzelnen Dichtern und genau fixiert, heute meist schriftlich in früheren Kulturen durch Auswendiglernen überliefert. Das Wort Kunstmärchen ist kein Wertbegriff, es bezeichnet nicht nur künstlerische Leistungen von hohem Rang, sondern auch einfältige Erfindungen einer Phantasie, die sich darin gefällt, Blumen, Tiere oder Möbel reden, fliegen, handeln zu lassen. (M. Lüthi: "Märchen")

Kurzgeschichte
Kleinform der Prosa: Erz. v. knappem Umfang, konzentriert auf einen kleinen, häufig äußerl. unscheinbaren, jedoch symbol. bedeutsamen Lebensausschnitt; der Schluß kann offen sein. Entwickelte sich im späten 19. u. bes. im 20. Jh. in Europa (Maupassant, Tschechow u.a.), noch stärker in Amerika (Short Story); entsprach auch dem Bedarf nach kurzen Erz. in Magazinen u. Tageszeitungen.

Fabel   Iat. fabula
1 die in einer ep. oder dramat. Dichtung behandelte Begebenheit.
2. eine Art typenhafter Tierdichtung mit lehrhaften Zügen; stammt aus dem Orient; v. Äsop wurden ind. u. griech. Fabeln aufgezeichnet. diese dann v. Phädrus in lat. Prosa umgedichtet; bes. in der Zeit der Aufklärung hoch geschätzt; bedeutende F.dichter: La Fontaine, Lessing (dieser auch Theoretiker der F.). Zum Wesen der F. gehört die knappe Kürze u. Aussparungstechnik, das Zulaufen auf eine Pointe, in der die Lehre (nicht moralisierend, sondern im Sinn illusionsloser Einsicht in das Faktische) deutl. wird.

Erzählung
Darstellung zusammenhängender (erfundener oder wirkl.) Begebenheiten; Form der epischen Dichtung;
im weiteren Sinn. Novelle, Kurzgeschichte, andere Kleinformen, auch der Roman (sofern kein "handlungsloses" oder bes. handlungsarmes Werk);
im engeren Sinn epische Form, v. der Novelle durch weniger strengen Aufbau unterschieden; bes. in der Gegenwart verbreitet; dabei sind die Grenzen zw. Iängerer Erzählung u. kurzem Roman fließend.