Fragen an die Trivialliteratur
 

Warum dieses Thema?

Die Trivialliteratur wird mit wöchentlichen Millionenauflagen im deutschsprachigen Raum abgesetzt. Damit hat sie extrem viel mehr Leserinnen und Leser als die sogenannt gute Literatur.
Schon das allein rechtfertigt, dass man sich genauer mit ihr befasst.

An der Trivialliteratur lässt sich die Wirkungsweise der Massenkultur sehr gut zeigen. In vielen Punkten funktioniert sie nach den gleichen Mechanismen wie die populären Unterhaltungsfilme, Familienserien, aber auch wie Schlager usw. Darum ist eine Besprechung der Trivialliteratur auch stellvertretend für viele Formen der Massenkultur.

 

Ziel der Trivialliteratur

Es geht im Grunde genommen immer um dasselbe: Ziel ist, möglichst viele Konsumenten zu finden, die Geld für die Produkte ausgeben, damit möglichst viel Profit für den Produzenten herausschaut. Der Autor der Ideen spielt keine Rolle, er ist ersetzbarer Teil der Produktionsmaschinerie, die nach vorgegebenen Schemen funktioniert. Inhalt und Präsentation zielen auf eine Maximierung Verkaufszahlen. Originalität, psychologische Wahrheit und Intelligenz der Aussagen sind kein Kriterium; die Leser/innen sollen sich in der Identifikationsfigur wiederfinden und ihre Einstellungen bestätigt haben. Damit ist klar, dass die Aussagen konservativ (die bisherigen Vorurteile bestätigend) sind, und damit sind sie auch nicht ideologisch "neutral", sondern zielen auf ein Fuktionieren der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen ab. Jede(r) soll dort bleiben, wo er ist, brav funktionieren und als Ventil für allfällige Unzufriedenheiten die Massenkultur konsumieren.
 

Fragestellungen zur Analyse der Trivialliteratur

Zu untersuchen sind drei Themenbereiche:
 
Produktion der Heftchen
  • Wie gross sind die Auflagen für welche Gruppen? (Tendenz: Feinaufteilung für exakt definierte Zielgruppen)
  • Verlagsvorschriften 
  • Drucktechnisches: Billigstproduktion der Romanheftchen auf  e i n e m  fünffach gefalteten doppelseitig bedruckten Papierbogen: immer 64 Seiten (incl Reklame, excl. Umschlagseite aus Glanzpapier). Die Texte müssen sich genau dieser Länge anpassen.
Rezeption 

Soziologisch: Leserstatistik.  Wer liest mit welchen Zielen diese Literatur? 

Psychologisch:

  • Welche Identifikationsmuster werden angeboten? 
  • Welche individuellen Probleme werden repetitiv aufgegriffen? 
  • Warum besteht ein Bedürfnis nach solchen Mustern? 
  • Warum kann die Massenkultur zur Sucht werden (zwanghafte Konsum- Wiederholung notwendig)?
Inhalte: 
  • Welches Weltbild liegt den Romanen zugrunde? Was ist Glück?
  • Was ist eine gute Beziehung/Liebe eigentlich?
  • Was bedeutet ein Chef (Hierarchie)?
  • Welche Rolle spielt das Geld? 
  • Wie denken und fühlen Frauen / Männer? 
  • Welche Eigenschaften ordnen welche Menschen der Gruppe der Schlechten, der «Out-Group» zu? 
  • Wie geht man mit Problemen um? 

Antworten

Die Antworten auf alle diese Fragen sind im ganzen Trivialbusiness immer ungefähr die gleichen, da sie sich ja an das gleiche Massenpublikum wenden. Es gibt aber in der Trivialliteratur verschiedene Serien mit unterschiedlichen Segmenten an potenziellen Konsumenten. Darum werden die Aussagen und Inhalte je nach Zielpublikum variiert. Ziel ist immer: Die bisher eingenommene Haltung ist richtig. Vorurteile werden bestätigt.

Einige Aussagen, die - nach meiner Erfahrung - für alle Serien gelten:

Trivialliteratur "gehobene" Literatur
- gibt emotionale Sicherheit, blockiert aber eine individuelle Entwicklung, 
sie erzieht zu Schäfchen, die die offene Auseinandersetzung mit sich selbst und mit anderen stets vermeiden.
- erzeugt Spannung zwischen der eigenen realen Welt und der fiktiven Welt: sie fordert heraus, ist anstrengend, bringt aber weiter.
- ist entspannend im Sinne von ablenkend, übertünchend: Sie schafft Sucht, da Probleme unvermindert bestehen bleiben. - ist entspannend im Sinne von Spannungen abbauend, verarbeitend (Katharsis)

© Christian Huck. Juni 2000