DIE VOLKSREPUBLIK CHINA
(aus Politik und Gesellschaft von Mickel Kampmann, Hirschgraben-Verlag)

Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben sich in Ostasien einschneidendere und schnellere Veränderungen vollzogen als in jedem anderen Weltteil.   Die Geschichte des modernen China beginnt mit dem endgültigen Zusammenbruch eines Herrschaftssystems, das durch das Eindringen imperialistischer Mächte von außen und durch revolutionäre Bewegungen im Innern seit längerem erschüttert war: mit dem Sturz der Mandschu-Regierung im Jahre 1911. Die Geschichte der Volksrepublik China, die 1949 aus gerufen wurde, ist wesentlich jünger. Mit einer Bevölkerungszahl von bald 800 Millionen und im Besitz atomarer Waffen ist sie zum Rang der dritten Supermacht aufgestiegen. Die Tatsache, daß in China der Kommunismus den Sieg davongetragen hat und daß es für viele Staaten der Dritten Welt das revolutionäre Gesellschaftsmodell darstellt, sich aber trotz Beibehaltung der Zwei-Lager-Theorie (Kommunisten - Imperialisten) in einem feindseligen Spannungsverhältnis zur Sowjetunion befindet, gibt viele Fragen auf, die nur aus seiner Geschichte zu beantworten sind. Der Eintritt der VRCh in die Vereinten Nationen macht diese Fragen nur noch dringender.

I. TRADITION UND REVOLUTION IN CHINA

1. Der Einbruch des Westens und die revolutionäre Entwicklung Chinas bis 1911
 Die von ihren Handelsinteressen geleiteten europäischen Mächte trafen bei ihrem gewaltsamen Eindringen in China um die Mitte des 19. Jhs. auf eine seit Jahrtausenden beinahe konstant gebliebene Sozial- und Wirtschaftsordnung, für die folgendes charakteristisch ist:

- eine streng patriarchalische Familienordnung,

- eine führende Schicht lokaler Grundbesitzerfamilien, die die Amtsträger des Reiches stellt, und - eine aus mittleren und armen Bauern, Halbpächtern, Vollpächtern und besitzlosen Landarbeitern bestehende Landbevölkerung.

Von Handwerk und Handel lebte in den Städten weniger als ein Zehntel der Gesamtbevölkerung; da städtische Freiheiten unbekannt waren, gab es kein Bürgertum im westlichen Sinne. Die unterste Schicht bestand aus Haussklaven, Transportarbeitern, Flußschiffern und Bettlern. Die « Honoratioren »-Klasse der Grundbesitzer (auch « gentry » genannt) besaß das Ämter-, Pfründen- und Bildungsmonopol. Ihre wirtschaftliche Macht beruhte auf den Grundrenten und auf den vielerlei Geldquellen, die die Verwaltungs- und Richterbefug-nisse erschlossen, auf dem Getreidehandel und dem Geldverleih. Nicht der einzelne, aber die Klasse als ganzes beherrschte diese Wirtschaftszweige. Ihre männlichen Mitglieder führten einen durch die Staatsprü-fung erworbenen literarischen Grad, der bei der Schwierigkeit der Erlernung chinesischer Schriftzeichen ein langes Studium erforderte, so daß die Exklusivität ihres gesellschaftlichen Status gesichert blieb. Erblich war die Zugehörigkeit zur gentry nicht, daher auch nicht mit dem abendländischen Feudalismus vergleichbar. Von Steuern und öffentlichen Dienstleistungen war die Grundbesitzerklasse befreit, diese Lasten wurden vom nichtprivilegierten Teil des Volkes allein getragen. Die große Masse der Bauern war arm, da die Grundrenten im allgemeinen hoch waren. Steuerdruck und Verschuldung bei erpresserischen Zinssätzen brachten sie häufig an den Rand des Existenzminimums. Zumal nach Dürreperioden und Hochwasserkatastrophen wurde ihre Lage verzweifelt, und irgendwo in dem Riesenreich gab es - wie im alten zaristischen Rußland - stets Bauernaufstände, aber sie waren unzusammenhängend und kurzlebig und änderten die allgemeine ökonomische Situation nicht.

Der Konfuzianismus war als ethische Philosophie der Oberschicht zu einer Art Staatsreligion und zur stärksten Stütze der väterlichen Familiengewalt und der Institutionen autoritärer Herrschaft geworden. Gegen die hohl gewordenen Moralbegriffe der Konfuzianer sollten sich später die ersten Angriffe einer jungen chinesischen Bildungsschicht wenden.

Mit dem Opiumkrieg (1840-1842), den England für die zollfreie Einfuhr seines indischen Erzeugnisses führte, begann für China die Epoche des aggressiven westlichen Imperialismus mit den «ungleichen Verträgen«, die der kommerziellen Ausbeutung dienten. Sie wurde ein geleitet durch die Abtretung Hongkongs an die britische Krone (1842) und die Öffnung von fünf « Vertragshäfen »; es folgten die Bankniederlassungen, die Konzessionen für freien Landkauf und Exterritorialität, für Bergbau, Flußschiffahrt und Eisenbahnlinien, der Erwerb von Stützpunkten und die Aufteilung in Interessensphären. Daran beteiligten sich Frankreich, Rußland, das Deutsche Reich und Japan nach seinem siegreichen Krieg mit China (1895/96); am Ende des Jahrhunderts sah es so aus, als stehe China vor dem Schicksal einer kolonialen Aufteilung nach dem Vorbild Afrikas. Das « Reich der Mitte », wie es sich immer genannt hatte, konnte die Herausforderung des Westens nicht aufnehmen wie Japan, dazu war es zu selbstbewußt, zu groß und zu arm. Je mehr sich die Hafenstädte europäisierten, ausländische Banken sein Finanzwesen beherrschten und fremdes Kapital die Industrieanlagen errichtete, um so ärmer wurde die Masse der chinesischen Bevölkerung im riesigen Hinterland. Die Begegnung mit der europäischen Wettbewerbswirtschaft beschleunigte den Zusammenbruch des primitiven Handwerks und der altertümlichen Agrarwirtschaft, sie beschleunigte auch den Zerfall der traditionell gebundenen Gesellschaft.

Ein Vorläufer der großen Wende im 20. Jahrhundert war die Taiping-Revolution (1851 bis 1864), die sich über ganz Mittelchina ausdehnte und die Mandschu-Regierung ernsthaft bedrohte. Sie war bäuerlich-kommunistisch, trug chiliastische Züge (Endzeiterwartung) und war oberflächlich von christlichen Vorstellungen angerührt. Sie forderte die Gleichheit aller Menschen, die Neuverteilung des Bodens und ging bilderstürmerisch gegen den Staatskult und die Ahnentafeln vor. Sie scheiterte an der Radikalität und Unklarheit ihrer Ziele und an der Unfähigkeit und Korruption ihrer Führung. Auch der Boxer-Aufstand (1899-1900), von einer Sekte ausgehend und von der Masse landloser Bauern und Deklassierter (verarmter Handwerker, Lastträger, Flußschiffer) getragen, hatte ursprünglich sozialrevolutionäre Motive, wurde aber, nicht ohne das Einverständnis des kaiserlichen Hofes, zu einer ausschließlich fremdenfeindlichen und terroristischen Bewegung, die von Truppen der europäischen Mächte niedergeschlagen wurde.

  Alles, was in diesem halben Jahrhundert geschehen ist, hat China aus der Lethargie und aus der hochmütigen Selbstgewißheit seiner uralten kulturellen Überlegenheit aufgeschreckt und ihm seine Schwäche und seine Rückständigkeit zum Bewußtsein gebracht: aus der beispiellosen Demütigung und dem zerstörten Selbstgefühl entsprang der jähe Nationalismus. Im Jahre 1911 löste ein Militärputsch den Aufstand gegen die Mandschu-Herrschaft aus, die den Nationalisten nicht nur als Fremdherrschaft galt, sondern ihnen auch wegen der « Verträge » mit den Imperialisten verhaßt war. Die kaiserliche Regierung in Peking dankte ab, und China wurde zur Republik unter der provisorischen Präsidentschaft Sun Yat-sens, des « Vaters der chinesischen Revolution ». Aber die parlamentarische Regierung kam nicht zum Zuge, denn die Macht lag in den Händen rivalisierender örtlicher Militärmachthaber (war-lords), und das Reich drohte auseinanderzubrechen. Die Revolution hatte die sozialen Strukturen unverändert gelassen, und die Masse der Bevölkerung, deren Elend ständig wuchs, verhielt sich passiv.

2. Die Bewegung der nationalen und kulturellen Erneuerung
Am 4. Mai 1919 demonstrierten Studenten und Professoren der Pekinger Universität gegen die Beschlüsse der Pariser Friedenskonferenz, die die ehemals deutschen Rechte in Shantung an Japan übertrug. Die antiimperialistische Kundgebung der intellektuellen Jugend war nur das Anzeichen einer schon im Gange befindlichen kulturellen Revolution; sie ist als «  4. Mai  Bewegung » in die Geschichte eingegangen.

Es kam hier vieles zusammen: die Enttäuschung über das Verhalten der Siegermächte, die Erbitterung über die Mißwirtschaft der Militärmachthaber in den Provinzen und der mit ihnen verbündeten gentry, vor allem die Erfahrung, die chinesische Studenten inzwischen an ausländischen Universitäten gemacht hatten, daß China um seiner eigenen Erneuerung willen vom Westen lernen müsse. Die Parolen der jungen Generation waren Vernunft und Fortschritt, Demokratie und Wissenschaft. Sie griffen den in Formeln erstarrten Konfuzianismus an, dessen Moralkodex zum Deckmantel reaktionärer Gesinnung geworden war und in dessen Familiensystem die Wurzel des Despotismus steckte. Eine neu entstehende Literatur nahm die gesprochene Sprache auf und behandelte die Probleme der Gegenwart. Damit war - ebenso wie mit der Abschaffung des Prüfungssystems - die Bildungsbarriere durchbrochen, die bisher die Honoratiorenklasse vom Volk getrennt hatte. An der Universität Peking, die rasch zum Mittelpunkt moderner wissenschaftlicher Forschung und liberaler Tendenzen wurde, hatten Gastvorlesungen des amerikanischen Pädagogen Dewey und des englischen Philosophen Russell den weitreichendsten Einfluß.

Die Ideale des modernen und des alten China spiegeln sich in den "Sechs Ratschlägen" an die Jugend:

 
 
 
Seid: Seid nicht: 
selbständig, 
fortschrittlich, 
dynamisch, 
weltoffen (wörtlich: kosmopolitisch), 
praktisch, 
wissenschaftlich
unterwürfig (gehorsam) 
konservativ 
zurückhaltend
isolationistisch 
formalistisch 
poetisch (zitatenreich wie die klassische Literatursprache)

 Die Zeitschrift mit dem bezeichnenderweise französischen Untertitel « La Jeunesse » wurde die Stimme der revolutionären Intelligenz, die in vielen Zügen mit der russischen Intelligentsia des 19. Jahrhunderts vergleichbar ist: in der Hinneigung zum Westen, in der Wissenschaftsgläubigkeit, im Zwiespalt der Generationen und in der leidenschaftlichen Beschäftigung mit sozialen Problemen.
 Aber als die jungen Chinesen den Liberalismus so verspätet entdeckten, ging in der übrigen Welt seine Epoche gerade zu Ende, und der Sieg des Proletariats in Rußland hatte für viele schon die stärkere Überzeugungskraft. Angesichts der beispiellosen Armut und Rückständigkeit Chinas gewann die soziale Frage ein immer stärkeres Gewicht, und die Schriften von Marx und Lenin übten jetzt ihren Einfluß aus. Von der Studen-tendemonstration des 4. Mai und der geistigen Erneuerungsbewegung, die damals einsetzte, führte sowohl ein Weg zur nationalen Befreiungsbewegung wie zur sozialen Revolution, zeitweilig liefen beide Wege zusammen.

3. Sun Yat-sen, die Kuomintang und der Kommunismus
Die führende Stellung in der national-revolutionären Bewegung nahm seit 1918 Sun Yat-sen (1866-1925) wieder ein. In den « Drei Grundlehren vom Volk » vereinigte er die beiden Tendenzen der chinesischen Revolution, die der nationaIen Befreiung und der sozialen Gerechtigkeit, und entwarf eine künftige Demokratie, die schrittweise über Parteiherrschaft und Volkserziehung erreicht werden sollte, da das parlamentarische Experiment 1912 so kläglich gescheitert war. Es war im ganzen eine großzügig entworfene, alle Probleme umfassende, aber vage und wirklichkeitsferne Theorie, die auf ganz verschiedene Weise gedeutet werden konnte. Sun Yat-sens Partei, die Kuomintang (KMT = Chinesisch-Nationale Volkspartei), wurde 1920 in Kanton neugegründet und, nachdem sie die noch in den ersten Anfängen steckende Kommunistische Partei Chinas (KPCh) in sich aufgenommen hatte, mit Hilfe russischer Organisationsexperten als eine schlagkräftige politische Partei aufgebaut. Chiang Kai-shek erhielt als enger Mitarbeiter Sun Yat-sens die Aufgabe der Reorganisation des Militärs und übernahm eine neugegründete Militärakademie, die ihm für seine späteren Kriege das zuverlässige Offizierskorps ausgebildet hat. Leiter der politischen Abteilung wurde der junge Chou En-lai, der schon damals eine wichtige Stellung in der KPCh einnahm.

Diese enge Verbindung zwischen der Kuomintang, der Partei der « nationalen Bourgeoisie », und der Kommunistischen Partei bedarf der Erläuterung.

 In seiner Enttäuschung über die Westmächte, die auch nach 1919 an den « ungleichen Verträgen » festhielten, entschloß sich Sun Yat-sen zu einem Bündnis mit Sowjetrußland, das auf alle Konzessionen und Rechte in China verzichtet hatte und jetzt auch Entwicklungshilfe für die Industrialisierung versprach. Die KMT, in Gefahr, eine Honoratiorenpartei zu werden, brauchte außerdem eine Massenbasis unter den Arbeitern und Bauern. Den Klassenkampf lehnte Sun ab, sein Entwurf einer Agrarreform war unrealistisch, die drängende Stunde hatte er nicht begriffen.

Die chinesischen K o m m u n i s t e n konnten sich bei ihrer Kompromißbereitschaft auf Lenin selber berufen. In seinen « Thesen zur nationalen und kolonialen Frage » behauptet er, daß in der ersten (antiimperia-listischen) Phase der Revolution die « nationale Bourgeoisie » der kolonialen und halbkolonialen Länder selbst revolutionär sei, weshalb die Arbeiterschaft dieses Stück Weges mit ihr zusammengehen könne. Erst die zweite Phase müsse den Aufbau des Sozialismus in Angriff nehmen und in die proletarische Weltrevolution einmünden. Die Komintern ging unter dem Druck Stalins noch weiter: In Unkenntnis und unter Mißachtung der chinesischen Wirklichkeit erklärte sie die KMT für die zentrale Kraft der nationalen Revolution, da sie alle vier Klassen (Bürger, Kleinbürger, Arbeiter und Bauern) umfasse, und zwang der Kommunistischen Partei das Bündnis mit ihr noch auf, als Chiang Kai-shek längst entschlossen war, den chinesischen Kommunismus auszurotten. Stalins schwer begreifliche Anweisungen, die strikt befolgt wurden, erklären sich zum Teil aus erbitterten innenpolitischen Kämpfen: er sah 1927 im China der Kuomintang-Regierung den möglichen Bundesgenossen gegen den Trotzkismus und war blind für die Gefahr, die den chinesischen Kommunisten drohte. Trotzki war realistischer, wenn er das Bündnis der KPCh mit Chiang Kai-shek mit einem Teufelspakt verglich. Es sei absurd, sagte er, sich vorzustellen, « daß der Teufel sich bekehren (. . .) und daß er seine Hörner nicht gegen die Arbeiter und Bauern, sondern zu frommen Werken nutzen werde».

Als sich in den Großstädten Südchinas das unter den härtesten Bedingungen des Frühkapitalismus arbeitende Proletariat erhob und Streiks und Aufstände ausbrachen, die von der KPCh und den Gewerkschaften organisiert wurden, wechselte Chiang Kai-shek sofort die Fronten. Er war gerade im Begriff, die Kriegsherren in den nordchinesischen Provinzen zu bekämpfen, zog jetzt aber in Shanghai ein, ließ Kommunisten und Gewerkschaftsführer verhaften und hinrichten und warf später den Aufstand in Kanton blutig nieder. Soweit die Mitglieder der Kommunistischen Partei, ihre Freunde und Helfer dem Massaker entkommen waren, gingen sie in den Untergrund oder flohen in entfernte Provinzen.

Es hatte sich gezeigt, daß das chinesische Industrieproletariat noch gar nicht imstande war, die revolutionäre Avantgarde zu bilden, wie Moskau es vorschrieb. Die Revolution in den Städten war gescheitert, die Militärgewalt Chiang Kai-sheks hatte sich behauptet. Die Kuomintang-Regierung (Nanking-Regierung) wurde jetzt von den Westmächten anerkannt und schloß mit ihnen Verträge auf gleicher Grundlage. Mit Moskau brach sie die diplomatischen Beziehungen ab.



Sun Yat-sen: "Grundlehre von den Rechten des Volkes" (1924)

Die Revolutionen im Ausland begannen mit dem Kampf für die Freiheit. (...) Einstmals lautete die Parole der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Parole unserer Revolution lautet: Nationalität, Rechte des Volkes, Lebenshaltung des Volkes. (.. .) Damals kämpfte man in Europa für die Freiheit des einzelnen; aber heute ist die Anwendung der Freiheit nicht mehr die gleiche. Wie sollen wir heute diesen Begriff «Freiheit» anwenden? Wenden wir ihn auf den einzelnen an, dann wird daraus ein « Haufe losen Sandes ». So kann man ihn keinesfalls wieder auf den einzelnen anwenden. Wenden wir ihn auf den Staat an, so kann der einzelne nicht zu viel Freiheit haben, aber der Staat erhält vollkommene Freiheit. Wenn erst der Staat in der Lage ist, in Freiheit zu handeln, dann wird China ein starker Staat werden. Wenn wir das wollen, dann müssen alle von ihrer Freiheit opfern. (...) Warum wollen wir die Freiheit für den Staat? Weil China von den Mächten unterdrückt wird und seinen Platz als Staat verloren hat. Es ist nicht nur eine halbe Kolonie, sondern in Wahrheit bereits eine Hypokolonie, schlimmer als Burma, Annam und Korea. Burma, Annam und Korea sind Kolonien von nur einem Lande, nur Sklaven von einem Herrn. China ist Kolonie aller Länder, Sklave aller Länder. China ist jetzt Sklave von mehr als zehn Herren. Daher ist der Staat jetzt äußerst unfrei.
  (Wolfgang Franke, Das Jahrhundert der chlnesischen Revolutlon 18511949. München 1958)


II. DIE ENTSTEHUNG DER VOLKSREPUBLIK

1. Agrarrevolution und Partisanenstrategie
Während sich die nationalbürgerliche Kuomintang-Regierung nach dem Zusammenbruch der Einheitsfront in Nanking konsolidierte, entstand in der entlegenen Provinz ein neuer Typ der Agrarrevolution, die im bäuerlichen China die Zukunft haben sollte. Nach einer Reise durch Hunan faßte der Funktionär der KPCh, Mao Tse-tung, seine Erfahrungen bei der Organisation von Bauernbewegungen in einer später berühmt gewordenen Denkschrift zusammen. Der «Hunanbericht»' vom Februar 1927 enthält die Konzeption einer Verbindung von Revolution und Partisanenstrategie, von Dorfsowjets und Bauernguerilla (T 1).   Mao Tse-tung wurde 1893 als Sohn eines durch Fleiß und rücksichtslosen Erwerbssinn wohl habend gewordenen Bauern in einem Dorf der Provinz Hunan geboren, besuchte einige Schulen, lernte wie üblich Schrift und Literatur chinesischer Klassiker und kam auf der Lehrerakademie und später als Hilfsbibliothekar in Peking mit den liberalen, sozialistischen und anarchistischen Ideen des Westens in Kontakt. Ihn prägte zuerst die kulturelle Revolution der « 4. Mai-Bewegung », dann der Marxismus, den er bruchstückhaft und aus zweiter Hand kennenlernte und sofort in praktikable Methoden für die Revolutionierung Chinas umdachte. Mao Tse-tung ist Mitbegründer der Kommunistischen Partei (1921), er agitierte auf dem Lande und in den Städten, erlebte die totale Niederlage des städtischen Proletariats und der Parteiorganisationen durch die Truppen Chiang Kai-sheks und nahm von 1927 an die Führung des schon schwelenden Bürgerkriegs selbst in die Hand.   Worin besteht seine Entdeckung? Einmal darin, daß die revolutionären Bauernbünde seiner Heimatprovinz durchaus imstande waren, die Zwangsherrschaft der gentry und der lokalen Machthaber zu stürzen. Die Staatsgewalt war nur in den Großstädten voll wirksam, schwächer war sie schon in den Provinzzentren, und in den Tiefen des Landes versickerte sie. Hier konnten Bauern die »Dorftyrannen" verjagen, selber eine Bauernmiliz aufstellen, einfache Institutionen der Selbstverwaltung errichten und die Steuern abschaffen. Mao entdeckte ferner, daß es gerade die verachtete Klasse der "armen Bauern» war, die im revolutionären Kampf zäh, unerschrocken und unbeirrbar durchhielt, während die "mittleren Bauern» schwankten. Die "armen Bauern« - Mao schätzte ihren Anteil auf 70 °/o - konnten nur noch in die unterste Schicht der Soldaten, Tagelöhner, Bettler und Räuber absinken, was auch häufig geschah.

Aus der Analyse der Bauernbewegung ergab sich für Mao Tse-tung folgendes:

a) Ohne die radikale Umwälzung auf dem Dorfe, ohne den Sturz einer korrumpierten gebildeten Oberschicht von privilegierten Grundbesitzern kann keine nationale Revolution in China den Sieg erringen.

b) Die Avantgarde dieser Revolution wird die Masse der armen Bauern sein.

Das widersprach der marxistischen Theorie von der Vorhut des Industrieproletariats ebenso wie den Lehren, die man aus der Oktoberrevolution gewonnen hatte. Ohne diesen Widerspruch übermäßig ernst zu nehmen, fand Mao eine ideologische Formel, die ihn aufhob: Das ländliche Proletariat;: t braucht die Führung der Partei, in der Partei repräsentiert sich die Arbeiterklasse. Aber ihm kam es auf das Handeln an, die Theorie hatte sich anzupassen.

Als die ersten organisierten Bauernaufstände niedergeschlagen wurden, zog Mao sich mit den zusammengerafften Scharen versprengter kommunistischer Truppen und Bauernmilizen in eine natürliche Gebirgsfestung des Grenzgebietes zwischen Hunan und Kiangsi zurück. Hierher reichte die Staatsgewalt nicht, hier konnten sich Bauernkommunen zu größeren wehrhaften Bauernrepubliken ("Sowjets«) zusammenschließen, hier entstand die Rote Armee, eine von Offizieren ausgebildete Rebellenarmee, deren Zahl ständig wuchs.

Das Kiangsi-Sowjetgebiet widerstand jahrelang den Vernichtungsfeldzügen, die Chiang Kai-shek mit großer Übermacht und von deutschen Militärexperten beraten gegen den kommunistischen Staat im Staate unternahm. Mao entwickelte bei der Verteidigung die bewegliche Taktik seines Bauern- und Partisanenkrieges, konnte aber 1934 die immer enger werdende Umzingelung der Sowjetbasen nicht mehr verhindern. So entschloß er sich zum Durchbruch und zu der großen Flucht- und Ausweichbewegung, die als der « Lange Marsch » in die Geschichte eingegangen ist.

Der Weg der marschierenden Kolonnen, die alle bewegliche Habe mitnahmen, führte aus den südwestlichen Provinzen in einem mächtigen Bogen nach Osten, dann über den Yangtze durch die Grenzgebiete Tibets und die "großen Grasländer" in das nordwestliche Lößgebiet der Provinz Shensi, die strategisch wichtig gelegen war und wo es schon Sowjetbasen gab. Der « Lange Marsch » dauerte ein volles Jahr, und von 130 000 überlebten nur etwa 30 000 die ungeheuren Strapazen. Es waren mächtige Ströme, tiefe Schluchten, Hochgebirgspässe und  weite Sumpfgebiete zu überwinden, und es gab unaufhörliche Kämpfe zuerst mit den Verfolgern, dann mit feindlichen Bergstämmen.

Was im ganzen ein strategischer Rückzug, eine Ausweichbewegung von abenteuerlichen Ausmaßen war - die Armee durchquerte zweimal die Breite des nordamerikanischen Kontinents -, war aber zugleich ein Vorstoß kommunistischer Kader in neue Gebiete, wo man Grundbesitz verteilte, Dorfkommunen gründete und « wandernde Sowjets » sich ausbreiten konnten. Bauernpartisanen schlossen sich häufig der Roten Armee an. Die Truppen wahrten militärische Disziplin und schonten die Landbevölkerung, die seit Jahrhunderten in Kriegszeiten nur mit einer mordenden und plündernden Soldateska in Berührung gekommen war.

Daß der Kern der Armee erhalten und ihr politischer Wille ungebrochen blieb, lag auch an dem Ziel, dem sie entgegenstrebte. Die Japaner waren in die Mandschurei eingedrungen und hatten als ein japanisches Protektorat den Staat Mandschukuo gegründet. Nord-Shensi, eine Grenzprovinz unterhalb der Großen Mauer gelegen, konnte eine entscheidende Rolle im Kampf gegen Japan spielen. Die Armeeführung glaubte daran oder propagierte doch diesen Gedanken. Die Befreiung Chinas von den Aggressionen imperialistischer Mächte entflammte den Nationalismus der chinesischen Kommunisten. Er war immer vorhanden, aber jetzt wußten sie sich nahe am Feind. Für das heutige China ist der « Lange Marsch » zum gigantischen Modell der Guerilla und zum Heldenepos des verzweifelten und zuletzt siegreichen Volkskrieges geworden und schon mit legendären Zügen ausgestattet.



Mao Tse-tung « Bericht über eine Untersuchung der Bauernbewegung in Hunan » (1927)

Innerhalb kurzer Zeit werden sich in den zentralen, südlichen und nördlichen Provinzen unseres Landes einige hundert Millionen mit der verheerenden Gewalt eines fürchterlich wütenden Orkans erheben, und keine noch so große Macht wird in der Lage sein, sie niederzuhalten....) Sie werden alle Netze, die sie fesseln, zerreißen und auf der Straße der Befreiung vorwärtsstürmen. Sie werden allen Militaristen, Militärmachthabern, korrupten Beamten und lokalen Machthabern das Grab schaufeln. Alle revolutionären Parteien und revolutionären Genossen werden vor ihrem Angesicht einer Probe unterworfen und zurück gewiesen oder in ihre Reihen aufgenommen. Sollen wir uns an ihre Spitze stellen und sie führen? Sollen wir hinter ihnen herlaufen und sie mit Händen und Füßen gestikulierend kritisieren? Oder sollen wir uns ihnen in den Weg stellen und gegen sie kämpfen? Jedem Chinesen steht es frei, einen dieser drei Wege zu wählen. (. . .)   Es stimmt schon, daß die Bauern auf dem Lande augenblicklich etwas außer Rand und Band sind.. . .) Ein Haufen von Menschen wälzt sich in die Häuser der lokalen Machthaber und üblen Gentry, die gegen die Bauernvereinigungen eingestellt sind, sie schlachten ihre Schweine und teilen ihre Getreidevorräte aus. Es kommt auch vor, daß sie sich auf den elfenbeinverzierten Betten der jungen Damen aus den Familien der lokalen Machthaber und üblen Gentry herumräkeln. . . .)   Die Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen oder Deckchen sticken, sie kann nicht so fein, so gemächlich und kultiviert, so maßvoll, gesittet, höflich, zurückhaltend und großmütig sein. Die Revolution ist ein Aufruhr, sie ist ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere stürzt. Die Revolution auf dem Lande ist eine Revolution, in der die Bauernschaft die Macht der feudalistischen Grundherrenklasse stürzt. (. . .)   Wenn man etwas gerade biegen will, so muß man es unbedingt verbiegen, etwas gerade biegen, ohne es zu verbiegen, ist unmöglich.
  (Mao Tse-tung, Ausgewählte Schriften. Hg. von T. Grimm, Frankfurt a. M. 1971)



2. Der nationale Krieg gegen Japan
In Shensi, wohin die Herrschaft der Nanking-Regierung nicht mehr reichte, konnte der Kommunismus überleben und nach seiner Niederlage sogar die strategische Initiative in die Hand bekommen.   Die Yenan-Periode (1935-1945), so genannt nach dem »Regierungssitz« und Armee-Hauptquartier in der Stadt Yenan, ist charakterisiert durch die folgenden, für die Entwicklung des modernen China bedeutsamen Vorgänge:

1 . In dem überaus armen und kargen "Land der gelben Erde« wird die kommunistische Utopie auf eine primitive Weise Wirklichkeit. Es entstehen Schulen, Werkstätten, Laientheater, Sporthallen, eine Militär-Kaderschule und eine Universität, wobei man die seit jeher bewohnbaren Höhlen der Lößhügel-Landschaft benutzt. Bei harter Arbeitsmoral, puritanischer Lebensweise und militärischem Drill werden Grundformen gleichberechtigten Zusammenlebens praktiziert und der Sippenzwang und die Unterordnung der Frau aufgehoben. Mit dem Erlernen der Schrift setzt zugleich die politische Schulung ein.

2. Mao Tse-tung verfaßt in den ersten Jahren der Yenan-Periode seine grundlegenden philosophisch-politischen und militärtheoretischen Schriften: « Über die Praxis », « Über die Widersprüche », « Über den langandauernden Krieg » und « Fragen der Strategie des Partisanenkrieges gegen die japanischen Eindringlinge ». Diese Traktate sind sowohl Rechenschaftsbericht wie Zukunftsprogramm, sie enthalten bereits die Essenz des « Maoismus »: nach seiner eigenen Definition die « Synthese der universellen Wahrheit des Marxismus-Leninismus mit der konkreten Praxis der chinesischen Revolution ».

3. Hier entsteht der Entschluß zur « Einheitsfront » gegen Japan; mit dem Ausbruch des Krieges im Sommer 1937 beginnt für Ostasien der Zweite Weltkrieg. Mao entscheidet sich als Pragmatiker; er geht von der konkreten revolutionären Situation aus, die ihn zum Bündnis mit dem Todfeind zwingt.

Für Mao Tse-tung und die Kommunistische Partei - seit 1935 ist er Vorsitzender des Zentralkomitees - gab es eine Reihe von Gründen, den nationalen Krieg gegen Japan gemeinsam mit Chiang Kai-shek und der Kuomintang zu führen. Einmal fühlte man sich nicht stark genug, die Expansion der Japaner in China aus eigener Kraft aufzuhalten, dann glaubte man auch, auf der Welle der nationalen Begeisterung weite Bevölkerungskreise für das eigene revolutionäre Programm gewinnen zu können, die Intelligenz vor allem, die Kaufleute und Unternehmer, auch die für das industriearme Land unentbehrlichen Kapitalisten, wenn sie nur antiimperialistisch waren und nicht mit dem Feind zusammenarbeiteten. Ferner war man der Ansicht, daß ohne das militärische Ansehen Chiang Kai-sheks im Inland und Ausland der Krieg nicht zu führen sei. Und schließlich hoffte man, die Regierungstruppen würden sich im Laufe eines langen Krieges abnutzen, die kommunistischen Partisanen und die Rote Armee sich aber vermehren und kräftigen. Mao ließ keinen Zweifel daran, daß sein Ziel die sozialistische Umgestaltung der chinesischen Gesellschaft sei.

Aus eben diesen Gründen lehnte Chiang Kai-shek die Einheitsfront ab und plante nach wie vor die Ausrottung des Kommunismus, der ihn gefährlicher dünkte als die japanischen Aggressoren. Der Zwischenfall von Sian (11. Dez. 1936) änderte die Situation. Als der Generalissimus die Nordarmee nicht zur Eroberung der Mandschurei, sondern zur Vertreibung der Kommunisten einsetzen wollte, wurde er in Sian an der Grenze von Shensi von rebellierenden Offizieren, die ihn zur antijapanischen Einheitsfront zwingen wollten, gefangengesetzt. Noch überraschender war dann seine Freilassung, bei der Chou En-lai den Unterhändler machte. Ob die Intervention Stalins oder der Einspruch Mao Tse-tungs den Ausschlag gegeben hat, ist ungewiß - jedenfalls wurde Chiang Kai-shek unter Bedingungen freigesetzt. In die gemeinsame Front mußte er jetzt einwilligen, auch Moskau setzte sich dafür ein. Die Kommunisten behielten sich aber die Verfügung über die Rote Armee vor, nur formell unterstand sie dem Generalissimus. Das Bündnis war von Anfang an brüchig und ging schon ein Jahr später in offene Feindseligkeiten über.

  Im Juli 1937 griffen die Japaner an, besetzten die großen Hafenstädte und drangen längs der Flüsse und der Eisenbahnlinien tief in das Innere des weiten Landes vor. Aber sie zogen  nach dem Wort eines ausländischen Beobachters - durch China «wie ein Schiff, das über den Ozean fährt, hinter ihm schlagen die Wellen zusammen».

  Die Regierungstruppen kämpften nur hinhaltend. Chiang Kai-shek erhoffte von der Weltkrise, die sich ankündigte, und später vom Sieg der Vereinigten Staaten über die faschistischen Mächte, mit denen Japan verbündet war, die günstige Wendung auch für China und schonte seine Truppen für die Auseinandersetzung mit den Kommunisten.

  Die Rote Armee kämpfte sowohl als reguläre Truppe wie im Partisanenkrieg hinter den japanischen Linien, wo sie Stützpunkte bildete. Von da aus erweiterte sich der kommunistische Machtbereich und veränderte die gesamte Kriegsszenerie. Nach Maos Theorie vom Partisanenkrieg im eigenen Lande sollte die Bevölkerung zum « Ozean » werden, in dem die Guerillas schwimmen wie die Fische im Wasser und der Feind ertrinkt. Daß die Feinde jetzt fremde Eroberer waren, die mit extremer Grausamkeit kämpften, kam dem Kommunismus nur zugute und gewann ihm außer der Masse der unpolitischen Bauern auch die bürgerlichen und intellektuellen Schichten. Es zeigte sich nach der Kapitulation Japans im Sommer 1945, daß er gerade in den von Japanern besetzten und verwüsteten Gebieten Fuß gefaßt hatte. Die Rote Armee wuchs während der Kriegsjahre von 80 000 auf 900 000 Mann.

Bei den Regierungstruppen machten sich Korruption und Günstlingswirtschaft im Offizierskorps, Vernachlässigung, Hunger und Krankheiten bei den einfachen Soldaten im Laufe des Krieges immer stärker bemerkbar. Obwohl die Vereinigten Staaten Chiang Kai-shek mit Kriegsmaterial und militärischen Ausbildern versahen, hatte der einst gefeierte Generalissimus kaum noch Erfolge. Er hatte es zwar richtig vorausgesehen: Japan wurde zuletzt nicht von den Chinesen, sondern von den Amerikanern besiegt, aber in China sollte sich Maos revolutionäre Strategie als die überlegene erweisen.

3. Zusammenbruch der Kuomintang-Regierung und Sieg der Kommunisten
Daß das Chiang-Kai-shek-Regime, wie man heute weiß, den unausweichlich gewordenen Bürgerkrieg im Grunde schon verloren hatte, war den an Ostasien interessierten Mächten damals keineswegs so deutlich, weder den Vereinigten Staaten noch der Sowjetunion.

Die amerikanische Regierung hatte sich während des Krieges mit Japan Chiang gegenüber festgelegt und ihm die Wiederherstellung seiner Macht in Ostasien zugesagt. Nach Kriegsende gehörte die allein anerkannte Chinesische Nationalregierung sogar zu den « Vier Großen » unter den Siegermächten. In Washington hoffte man, sie werde jetzt endlich die längst fälligen sozialen Reformen einführen, die Korruption bekämpfen und zu Kompromissen mit dem Yenan-Regime bereit sein. Aber die Mission General Marshalls, der die Parteien versöhnen sollte, war ein völliger Fehlschlag. Da entschloß sich die amerikanische Regierung  zu halben Maßnahmen: sie reduzierte ihre militärische und finanzielle Unterstützung zeitweilig, gab Chiang Kai-shek aber nicht auf. Damit konnte sie den Bürgerkrieg nur verlängern, den Sieg der Kommunisten aber nicht hindern.

Die Politik Stalins gab ebenfalls Rätsel auf. Gleich nach dem Bombenabwurf von Hiroshima und wenige Tage vor der Kapitulation Japans trat die Sowjetunion, wie sie in Jalta versprochen hatte, noch in den Krieg ein und schloß einen Freundschafts- und Bündnisvertrag mit der chinesischen Nationalregierung. Dafür waren ihr Einflußzonen in der Mandschurei, ein Marinestützpunkt in Port Arthur und die Kontrolle über die ostchinesischen Eisenbahnen von den Verbündeten zugestanden worden. Daß Chiang Kai-shek jetzt auf Bedingungen einging, die den »ungleichen Verträgen« einer verhaßten Vergangenheit aufs Haar glichen, schadete seinem Ansehen erheblich.

Es kam nun darauf an, ob nationalchinesische oder kommunistische Truppen die von den Japanern geräumten Gebiete zuerst besetzen würden. Da die Kommunisten im Norden im Vorteil waren, stellten die Amerikaner Chiang Kai-shek Transportflugzeuge und Schiffe zur Verfügung. In der Mandschurei gewann der General der Roten Armee, Lin Piao, aber das Rennen. Hier sorgten auch die Sowjets dafür, daß die japanischen Waffenvorräte in die Hände der Kommunisten fielen; sie selber waren vornehmlich an der Demontage der von Japan errichteten industriellen Anlagen interessiert. Es ist kaum anzunehmen, daß Stalin insgeheim die Sache Mao Tse-tungs zum Siege führen wollte, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß ihm eine Spaltung Chinas ähnlich der Koreas in einen nördlichen und südlichen Teil wünschenswert erschien.

Der Bürgerkrieg wurde zunächst mit wechselndem Glück geführt. Erst 1948 begann der unaufhaltsame Siegeszug der Roten Armee von Norden nach Süden; sie hatte zuerst das Land erobert, jetzt fielen ihr die Städte zu. Im April 1949 überschritt die Masse der kommunistischen Truppen den Yangtze, im Herbst war fast ganz China in ihren Händen. Chiang Kai-shek floh nach Formosa. Am 1. Oktober 1949 rief Mao Tse-tung vom « Tor des himmlischen Friedens » in der alten Kaiserstadt Peking die « Chinesische Volksrepublik » aus.

Zu Beginn des Krieges hatte die Nationalarmee die dreifache Stärke und war mit modernen Waffen vorzüglich ausgestattet. Aber die Führung war unsicher oder unfähig, die Soldaten, meist zwangsrekrutierte Bauern, wußten nicht, wofür sie kämpften. Gegen Ende des Krieges liefen ganze Truppenteile zu den Kommunisten über. Eine rapide anwachsende Geldentwertung begünstigte die weit verbreitete Spekulation und Korruption; auch in den Städten verlor Chiang Kai-shek ständig an Boden.

Aber die eigentlichen Gründe für die moralische Krise und die totale Niederlage der Kuomintang-Regierung lagen tiefer. Die nationale Einheitspartei, die unter der Führung Sun Yat-sens eine revolutionäre Grundlage und ein soziales Reformprogramm besaß, stützte sich nach der Liquidation der Kommunisten im Jahre 1927/28 immer mehr auf das Offizierskorps und die Bürokratie; die Vernichtung oder Auflösung der kommunistisch gelenkten Bauernbünde und Gewerkschaften raubte ihr die Massenbasis. Die Mitglieder des Führungsgremiums der KMT stammten aus der Honoratiorenschicht, aus Grundbesitzerfamilien oder aus Kaufmanns- und Bankierskreisen, deren Sippenverbände über Grundbesitz verfügten. Jeder Versuch, durch eine umstürzende Agrarreform die soziale Struktur zu verändern, mußte an den Klasseninteressen der herrschenden Elite scheitern. Auch minimale Reformen (Ermäßigung der Pachtgelder, Abschaffung von lokalen Sondersteuern) stießen auf erbitterten Widerstand. Es kam hinzu, daß der verzögerte Krieg gegen Japan dem Regime schließlich auch die nationale Legitimation raubte, die es doch zu seiner Grundlage gemacht hatte. Die Hoffnung der nationalgesinnten Intelligenz wandte sich den Kommunisten zu.

Die Rote Armee verband die Eroberung mit der Revolution: indem sie die ländlichen Macht- und Besitzverhältnisse umstürzte, trug sie den Sieg davon, militärisch und politisch. Eine straffe Parteiorganisation leninistischen Typs unterstützte sie dabei.

Obwohl die amerikanische Regierung den Zusammenbruch National-Chinas längst voraus gesehen hatte, war die Öffentlichkeit nicht darauf vorbereitet. Sie reagierte mit einem Schock. « Wir haben China verloren », hieß es in der amerikanischen Presse. Da man die Sozialverhältnisse Chinas in den USA niemals richtig verstanden hatte, da alle redlichen Bemühungen, wie offenkundig, doch nur dem Kommunismus zugute gekommen waren, entstand aus der Desillusionierung der amerikanischen Öffentlichkeit durch Maos Sieg der Angstkomplex der McCarthy-Zeit. Er hat die amerikanische Politik während der 50er Jahre sehr belastet.