Investitionen und Kolonialpolitik

Spätestens seit dem Imperialismus haben Grossmächte erkannt, dass nicht nur mit Waffengewalt, sondern auch mit finanziellem Engagement Kolonien in Abhängigkeit gehalten werden können. Als Beispiele seien die deutsche Orientpolitik nach 1900.

Deutsche Orientpolitik
Die arabischen Besitzungen des Osmanischen Reiches im Vorderen Orient säumten, besonders seit der Eröffnung des Suezkanals 1869, den englischen Seeweg nach Indien. Da sich die Türkei weder wirtschaftlich noch militärisch aus eigener Kraft modernisieren konnte, standen die französische Rüstungsfirma Schneider-Creusot, die deutschen Kruppwerke und die englische Firma Armstrong-Vickers in scharfem Konkurrenzkampf um den türkischen Markt. Deutsche 0ffiziere waren als Berater tätig. 1889 und 1898 besuchte Wilhelm II. als erstes christliches Oberhaupt eines Staates nach den Kreuzzügen das islamische Reich und zog feierlich in Jerusalem ein, 1890 wurde ein Handelsvertrag zwischen der Türkei und Deutschland abgeschlossen: der deutsche Anteil an der türkischen Einfuhr stieg von 2,5 % (1900) auf 11-13 % (1914). Das waren rund 98,4 Mio. Mark; davon wurden etwa 19 Mio. als Eisenbahnmaterial geliefert. Die deutsche Palästinabank und die deutsche Orientbank wurden gegründet. 1903 erhielt die Deutsche Bank die erste Konzession zum Bau der Eisenbahn von Konstantinopel bis Bagdad (Bagdadbahn). In der Bagdadbahngesellschaft von Bagdad zum Persischen Golf kontrollierten die Deutschen 60% des Kapitals. Der Sultan, der dabei wie seine Minister auf persönliche Vorteile bedacht war, garantierte feste Einkünfte pro Eisenbahnkilometer. Erst nach 1910 kam es zu einem Ausgleich zwischen den europäischen Staaten: neben dem Eisenbahnbau durch die Deutschen sollten die Engländer ein Bewässerungsprojekt an Euphrat und Tigris ausführen und die Flüsse schiffbar machen. Die Russen sollten persische Stichbahnen bauen. Die Modernisierung Istanbuls und anderer Städte brachte der Türkei eine riesige Schuldenlast. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren alle türkischen Staatseinnahmen an europäische Gläubiger verpfändet. 25 % der Gesamtschulden, rund eine halbe Milliarde Mark, schuldete die Türkei den Deutschen, 60 % den Franzosen.
Von Holstein, Vortragender Rat im Auswärtigen Amt, 1904
"Frankreich schickt sich zur Aneignung Marokkos an, unter vollständiger Ignorierung der berechtigten Interessen Dritter ... Der auswärtige Handel und die auswärtige Industrie werden aus Marokko verdrängt. Insbesondere werden bei Eisenbahn- und Minenkonzessionen sowie bei allen amtlichen Ausschreibungen lediglich Franzosen Berücksichtigung finden. Marokko ist heute noch eines der wenigen Länder, wo Deutschland für seinen Verkehr freie Konkurrenz hat."

Aus dem Geschäftsbericht der dt. Discontogesellschaft, 1913
"Vielmehr ist im Auge zu behalten, daß die Machtstellung eines Staates nicht nur durch seine Wehrkraft, sondern auch durch die Kapitalkraft seiner Bevölkerung bedingt wird, sowie daß Geltung und Ansehen einer Nation im Rate der Völker wesentlich auch vom rechtzeitigen Gebrauch dieses Machtmittels abhängen. So haben wir im vollen Bewußtsein unserer Verantwortlichkeit im vorigen Herbst den Wettbewerb mit der französischen Bankwelt aufgenommen."


Folgender Text zeigt, dass in England wirtschaftliche Interessen, Grossmachtpolitik und die Idee, Wohltäter für die ausgenützten Kolonien zu sein, ein unteilbares Ganzes bilden.

Aus einer Rede des englischen Schatzkanzlers Lloyd George, 1911
"Ich würde Opfer bringen, um den Frieden zu bewahren. Würde aber England in eine Lage gedrängt, in welcher der Frieden nur erhalten werden könnte durch Aufopferung der großen und wohltätigen Stellung, die England im Laufe der Jahrhunderte erworben hat, dann sage ich mit Nachdruck, Friede um jeden Preis würde eine Demütigung sein, die ein großes Land nicht ertragen kann. Die Nationalehre ist keine Parteifrage, ebenso wenig wie die Sicherheit des großen internationalen Handels."