Krisen um die "Beerbung" des Osmanischen Reichs

Von der inneren Schwäche des Osmanischen Reiches ermutigt, versuchten die Balhanvölker seit Beginn des 19. Jahrhunderts die türkische Herrschaft abzuschütteln. Rußland und Frankreich hofften dabei die Türkei zu beerben, England und Osterreich stützten den türkischen Sultan.

England war bestrebt, Rußland von den Dardanellen fernzuhalten, Österreich versuchte das Vordringen Rußlands auf dem Balkan zu verhindern. Rußland stellte sich hinter die Freiheitsbewegungen deI Balkanvölker, indem es nach außen als Beschützer der orthodoxen Christen unter islamischer Herrschaft auftrat, insgeheim aber ein neues byzantinisch-christliches Reich unter russischer Schutzherrschaft zu errichten gedachte.

Als erstes Volk erkämpften sich die Griechen mit englischer Unterstützung ihre Unabhängigkeit (Frieden von Adrianopel, 1829). Gleichzeitig erhielten die Fürstentümer Moldau und Walachei als türkische Vasallenstaaten größere Unabhängigkeit. 1841 verpflichteten die Großmächte den Sultan im Dardanellenvertrag, die Meerengen für alle fremden (=russischen) Kriegsschiffe zu sperren.

Als Rußland 1853 die Moldau und die Walachei besetzte, brach der Krimkrieg (1853-1856) aus. England und Frankreich griffen zum Schutze Konstantinopels ein. Ein englisch französisch-sardinisches Heer landete auf der Krim. Im Friedensschluß auf dem Pariser Kongreß, 1856, blieben die beiden Fürstentümer unter türkischer Oberhoheit. Sie wurden aber 1859 vereinigt und 1861 als Staat Rumünien unabhängig.

Nach dem Krimkrieg trat Rußland für die Befreiung der slawischen Völker auf dem Balkan ein. (Montenegriner, Serben, Bulgaren und Mazedonen.) Im russisch-türkischen Krieg (1877/78) drangen die Russen bis Konstantinopel vor, um das türkische Reich endgültig aufzulösen. Wieder griff die englische Flotte ein. Durch den Berhner Kongreß (1878), bei dem Bismarck einen Ausgleich zwischen den Mächten erreichte, wurde ein europäischer Krieg verhindert. Die Türkei behielt Thrakien, Mazedonien und Albanien, doch wurde Bulgarien selbständiger Staat. Rumänien, Serbien, Montenegro wurden als unabhängige Staaten anerkannt. Die türkischen Provinzen Bosnien und Herzegowina kamen unter österreichische Verwaltung. England ließ sich Zypern ab treten.

Von Serbien, dem neuen Nachbarstaat Österreich-Ungarns, ging eine großserbische Bewegung aus, die alle Südslawen unter türkischer bzw. österreichisch-ungarischer Herrschaft befreien und mit Serbien vereinigen wollte. Sie wurde von der Bewegung des "Panslawismus" unterstützt, die ebenfalls einen südslawischen Gesamtstaat - aber unter russischer Herrschaft - errichten wollte.

Als 1908 in Konstantinopel die sog. Jungtürkische Revolution ausbrach, d. h. eine liberale Gruppe den Sultan absetzte, um das Osmanische Reich in einen modernen Nationalstaat mit konstitutioneller Monarchie umzubilden, nützte Österreich-Ungarn die türkische Schwäche aus. Es annektierte Bosnien und die Herzegowina (Annexionskrise 1908), die es seit 1878 verwaltete. Serbien drohte mit Krieg und hoffte dabei auf die Unterstützung Rußlands. Da aber Deutschland auf Österreichs Seite trat und Rußland militärisch zu wenig vorbereitet war, wich Rußland zurück, und ein europäischer Krieg konnte noch einmal verhindert werden. Auch Bulgarien nützte die Stunde und erklärte seine Unabhängigkeit.

Die osmanische Herrschaft auf dem Balkan wurde schließlich durch die Balkankriege beendet. Solange die Türken durch den Angriff Italiens auf Libyen in Nordafrika (1911) geschwächt waren, schlugen die im Balkanbund vereinten Staaten Griechenland, Bulgarien, Serbien und Montenegro los und besiegten die Türken (1. Balkankrieg, 1912). Doch dann gerieten die Sieger in Streit um die Beute und fielen zusammen mit Rumänien und den Türken über Bulgarien her, das am meisten an türkischem Gebiet erobert hatte (2. Balkankrieg, 1913). Im Frieden von Bukarest wurden Serbien und Griechenland stark vergrößert, Albanien wurde nach dem Willen der Großmächte selbständiger Staat. Die Türkei behielt nur ein kleines europäisches Restgebiet westlich der Meerengen mit Konstantinopel und Adrianopel.

Nach der Auflösung der europäischen Türkei wandte sich der südslawische Nationalismus ganz der Befreiung Bosniens und der Herzegowina von österreichischer Herrschaft zu. Österreich demonstrierte seine Ansprüche mit dem demonstrativen Besuch des Thronfolgers Ferdinand in Bosnien, dieser wurde 1914 in Sarajewo von einem jungtürkischen Studenten (mit Unterstützung des serbischen Geheimdienstes??) erschossen. Das war der Anlass zur Entfachung des 1. Weltkriegs.