Geschichte von Jugoslawien
von den Anfängen bis zum Sturz von Milosevic  Hk

Vorgeschichte

Politische Voraussetzung
Um 300 n Chr. Das römische Reich wird in Westrom (Rom traditionelle Hauptstadt) und Ostrom (Hauptstadt Konstantinopel, frisch aufgebaut, später Byzanz, nach 1453 Istanbul genannt) aufgeteilt. Schwerpunkt wird Byzanz. Das byzantinische Reich überlebt bis 1453, Westrom ging schon im 5.Jahrhundert zugrunde.

Kirchliche Voraussetzung : Teilung der Christenheit, Entstehung des Islam
- Um 325 n. Chr. (Konzil von Nicäa) wurde der orthodoxe christliche Glaube zur offiziellen römischen Staatsreligion, die Arianer (leicht abweichende Lehre), aus denen der Katholizismus (mit dem Papst in Rom) hervorging, setzten sich aber allmählich im weströmischen Reich durch.

 - Um 622n.Chr. entstand der Islam (Mohammed).

Bevölkerungssituation auf dem Balkan; Verbreitung von Christentum und Islam
- Im 6. Jh wanderten Slawen auf dem Balkan ein und wurden zum zahlenmässig bedeutendsten Bevölkerungsanteil. Ein Teil kam unter byzantinischen Einfluss und wurde nach 867 (offizielle Aufteilung der Missions-Interessengebiete) christlich-orthodox (u.a. Serben), andere wurden von Westen her missioniert und wurden katholisch (u.a. Kroaten).

- 1453 eroberten die mohammedanischen Osmanen Byzanz (das fortan Istanbul heisst); in der Folge setzt sich auch der Islam auf dem Balkan fest (u.a.Bosnier), ohne aber die christlichen Religionen zu verdrängen.

Übergang zur neuen Geschichte
Bis ins 20. Jahrhundert (1918) konnten sich auf dem Balkan nur vorübergehend unabhängige Staaten entfalten, da sie einerseits im Einflussbereich vom übermächtigen Byzanz resp. des osmanischen Reichs blieben und später auch der Expansionspolitik der Russen, der Engländer usw. ausgesetzt waren, andererseits aber das nordwestliche Gebiet (u.a.) von Venezianern (Küste) und Habsburgern (Österreich) besetzt waren. Diese z.T. locker verwalteten Riesenreiche liessen zeitweise einigen Spielraum für Fürsten, die sich - v.a. im Mittelalter - durchaus vorübergehend unabhängige Herrschaftsgebiete aufbauen konnten. Die grosse Zeit für die Entstehung selbständiger Nationen kam aber erst nach dem erwachenden Nationalismus Ende 19.Jh. und dem Zusammenbruch der Habsburger Monarchie und des osmanischen Reiches nach dem 1.Weltkrieg um 1918.

Der Mord von Sarajewo 1914 und der 1. Weltkrieg
Der Habsburgische Thronfolger Ferdinand besuchte Sarajewo, das sowohl von den Serben als auch von den Österreichern beansprucht wurde. Dabei wurde er von einem serbischen Studenten ermordet. Diese Episode wurde von den kriegsbereiten europäischen Grossmächten als Anlass genommen, den 1. Weltkrieg auszulösen.

Das Serbenbild im Westen
Für viele Österreicher und Deutsche sind noch heute "die Serben schuld"; dies dürfte auch die Basis eines latenten westlichen Serbenhasses sein, der durch andere Religion (othodox), Schrift  (= kyrillisch) und Mentalität zusätzliche Nahrung erhält. In den Zeiten des Kalten Kriegs nach dem Zweiten Weltkriegs galt Serbien (das schon in der Zarenzeit den natürlichen Partner in Russland sah) als besonders russlandfreundlich/ kommunistisch.

 

Bevölkerungsgruppen um 1918

Serben:  Es gab starke serbische Kräfte, die auf ein eigenes serbisches Reich ("Großserbien") im südlichen Balkan hin arbeiteten. Dies gefiel aber einigen Grossmächten nicht besonders, da sie auf eine eigene Machtentfaltung in diesem Gebiet hofften. So entwickelten die Serben die Idee, dass alle gegen sie seien.
Kroaten:  Die (katholischen, seit jeher eher westorientierten)Kroaten hatten bisher zur Habsburger-Monarchie gehört und hatten ihre Interessen mehr im reicheren Norden als im ärmeren slawischen Süden und Osten. Allerdings gab es auch viele Kroaten, die Österreich entschieden ablehnten, weil sie in der Habsburger-Monarchie als Zweitklass-Bürger behandelt wurden.

islamische Bosnier:  In Bosnien hatte es seit türkischer Zeit immer -  neben Serben und Kroaten - viele Mohammedaner. Sie leben traditionell gemäss ihren Interessen mehr in städtischen Kulturen, kaum in der Landwirtschaft. Ihre grösste Bevölkerungsgruppe ist in Sarajevo (“türkischer” Teil: Altstadt)

 

Jugoslawien von der Entstehung 1918 bis zur Krise 1991  

vor 1917  Ausser Serbien gehört das heutige Gebiet von Jugoslawien zu Österreich-Ungarn.
1882  Proklamation eines serbischen Königreichs. - Krieg Serbiens, das wegen Bevölkerungs-wachstums und mangelnder Auswanderungsmöglichkeit wirtschaftlich zunehmend Probleme hat, mit Bulgarien; allmählich wachsender “Jugoslawismus”, d.h. Wunsch nach Vereinigung aller Südslawen, die ausser Serbien zum österreichisch-ungarischen Staatsverband gehören.

1917 Deklaration von Korfu: Errichtung eines südslawischen Königreiches unter Wahrung des Selbstbestimmungsrechts. Dies ist ein Kompromiss der zwei entgegengesetzten Ziele: Die Serben (Pasic) streben ein (zentralistisches) Grosserbien  an, Trumbic möchte eine Föderation gleichberechtigter jugoslawischer Völker. Dieser Interessengegensatz spielt stark in die heutigen Ereignisse in Ex-Jugoslawien hinein.

1918  Die jugoslawischen Völker lösen sich von Österreichisch-Ungarn. Das “Königreich der Ser-ben, Kroaten und Slowenen” wird gegründet.

10.9.1919  Internationale Anerkennung der Selbständigkeit Jugoslawiens im Friedensvertrag von St.Germain-en-Laye.

4.6.1920  Friedensvertrag in Trianon: Kroatien-Slawonien an Jugoslawien. - Bald entsteht ein Konflikt zwischen den beherrschenden Serben und den Minderheitsvölkern in Jugoslawien, die laut Gesetz von 1921 kaum Eigenständigkeit haben. Der Konflikt wird zusätzlich durch die wachsende Weltwirtschaftskrise genährt.

Jan. 1929 Durch einen Staatsstreich kommt König Alexander zu diktatorischen Vollmachten. Einteilung in 9 Banate ohne Rücksicht auf historische oder ethnische Gruppen.

1930 Vertrag von Rapallo. Unter Druck der italienischen Faschisten, die die Adria als ihr Meer sehen, wird Rijeka/Fjume zur freien Stadt erklärt.

1931 Ende der Königsdiktatur. Der einheitliche Staat bleibt, was namentlich unter den kroatischen Bauern Unruhen auslöst. Durch die Aufnahme von 5 kroatischen Ministern in die neue Regierung Cvetkovic wird der serbisch-kroatische Gegensatz gedämpft.

1941 Hitler-Deutschland erreicht am 25.3. einen Freundschaftspakt mit Jugoslawien, was 2 Tage später zu einem Staatsstreich in Belgrad und am 5.4. zu einem Freundschaftspakt mit der UdSSR führt. Hitler kontert am 6.4. mit der Beschiessung Belgrads, gefolgt von einer Invasion von Hitlers Bündnispartnern Italien, Ungarn und Bulgarien. Dies ist gleichzeitig der Beginn des Balkankriegs, der bis Griechenland geht und dort gegen die Engländer erfolgreich gestaltet werden kann. König Peter geht ins Exil, Partisanengruppen in Serbien (“Cetniks”: Michailovic) und Südslawien (Kommunisten unter Tito) bilden sich; der innere Kampf zwischen der deutschfreundlichen Militärregierung in Serbien und Kroatien (Pavelic) und den Partisanen ist extrem grausam. Serben müssen in grosser Zahl aus Slowenien und Kroatien flüchten.

1943 Tito wird von den Alliierten unterstützt. Exilkönig Peter überträgt ihm

1944  offiziell die Verteidigung Jugoslawiens.Tito kämpft, zusammen mit den sowjetischen Truppen, erfolgreich gegen die deutsche Besatzung.

1945 Nach dem Ende des 2.Weltkriegs: Proklamation der föderativen Volksrepublik Jugoslawien, Ministerpräsident Tito. Tito erreicht früh den Abzug der sowjetischen Truppen. Sowjetisierung mit Geheimdienst etc. löst Unmut aus.

1947 Pariser Friedensvertrag: Istrien an Jugoslawien, Triest wird Freistaat.

 Schon bald kommt es zu Konflikten mit Bulgarien um Mazedonien und mit Albanien um Kosovo.

1948  Bruch mit Moskau (Stalin). Moskau bezeichnet den Titoismus als revisionistisch.

1949 Handelsabkommen mit westlichen Ländern.

1950 Einführung der Selbstverwaltungsräte in den Betrieben.

1958 Der “Bund der Kommunisten Jugoslawiens” lehnt jede Einmischung von aussen ab; bald Zusammenarbeit mit EWG und EFTA, seit 1964 auch mit COMECON (=Wirtschaftsorganisation des Ostblocks).

1957 Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der DDR; als Strafe dafür bricht die BRD die diplomatischen Beziehungen mit Jugoslawien ab.

seit 1962 Amerikanische Kredithilfe.

1969-1972 verschiedene Auseinandersetzungen zwischen Belgrad und kroatischer Führung.

1980 Tod Titos, seit 1974 Präsident Jugoslawien auf Lebenszeit.In der Folge bildet sich keine einzelne neue starke Führungspersönlichkeit heraus, die wie Tito von allen gleichermassen respektiert wurde. Das Staatspräsidium rotiert jährlich unter den Vertretern der einzelnen Teil-republiken.Wirtschaftlich wachsen die Probleme, die sich bereits unter Titio angestaut haben: Hohe Verschuldung, da die Jugoslawen über ihren Möglichkeiten konsumiert haben. Folge: Hohe Inflation, die 1989 900% ausmacht, ja bis Ende Jahr sogar auf 2000% steigt! Die reicheren Republiken (Slowenien, Kroatien) versuchen die wirtschaftlichen Probleme über nationale Eigenständigkeit in den Griff zu bekommen:

1989 In Serbien (Milosevic), Slowenien (Kucan) und Kroatien (Tudjman) finden Direktwahlen statt. Spaltung der Kommunisten Jugoslawiens. Neue Parteien werden gegründet.

27.9.89  Das slowenische Parlament gibt sich mittels Verfassungsrevision das Recht zum Austritt aus Jugoslawien.Der Verfassungsgerichtshof und das Staatspräsidium erklären den Schritt für unzulässig. Zwei Tage später versucht Ministerpräsident Markovic mittels wirtschaftlicher Liberalisierung vergeblich die Probleme in den Griff zu bekommen.

1990 Das slowenische Parlament erklärt Slowenien für unabhängig (2.7.90).

 Unabhängigkeitserklärungen auch in Kosovo (2.7.90), Kroatien (26.7.90), Bosnien-Herzegowina (1.8.90).

1991 Die Konflikte werden mit Gewalt ausgetragen.
 In Slowenien besetzte die jugoslawische Armee im Spätfrühling die österreichische Grenze; schon bald konnte aber ein bewaffneter Konflikt ohne wesentliche Kampfhandlungen vermieden werden. Gegen die Stimme Kroatiens, das gleich behandelt werden wollte wie Slowenien, wurde den Slowenen vom Präsidium der Austritt aus der jugoslawischen Konföderation ermöglicht; Kroatien erklärte aber auch den Austritt. Nach Vermittlungen durch die EG wurde der Austritt beider Teilrepubliken für 3 Monate rückgängig gemacht; Slowenien konnte unterdessen unbehelligt seine neue Staatlichkeit vorbereiten. In Kroatien, wo die Minderheitsrechte der zahlreichen Serben nicht verfassungsmässig garantiert sind, kam es trotz intensiver Bemühungen der EG  nach einer beidseitigen erschreckenden Hass-Propagandakampagne schon bald zum Bürgerkrieg zwischen in Kroatien lebenden Serben (Cetniks) und Kroaten. Die Bundesarmee schloss sich immer offensichtlicher den Cetniks an. Viele Waffenstillstandsabkommen wurden beiderseits gebrochen. Anfangs Oktober hatte die Bundesarmee militärische, die Kroaten propagandistisch-politische Vorteile erreicht, ohne dass aber eine Entscheidung gefallen wäre.

8.Okt.1991 Offizieller (einseitig erklärter) Austritt Sloweniens und Kroatiens. Die überhastete internationale Anerkennung, von Deutschland forciert und von der übrigen EG und den USA erst bekämpft und dann übernommen, ermöglichte internationale Einmischung (Waffenlieferungen anfangs v.a. durch D, dann aber von allen westlichen und östlichen Waffenproduzenten, u.a. auch von der Schweiz), da es sich im Jugoslawienkonflikt nach der völkerrechtlichen Anerkennung nicht mehr um eine "innere Angelegenheit" handelte (die allen Völkern gemäss UNO-Satzungen jede Parteinahme verbietet). Dieser dipülomatische Schachzug war die Voraussetzung einerseits für die Unabhängigkeit Kroatiens, andererseits für den Krieg.

1995- 1999  In den folgenden Jahren spitzt sich der Konflikt im Kosovo zu. Die radikale UCK, unterstützt von westlichen Nationen, macht vermehrt Angriffe gegen serbische Einrichtungen (Attentate auf serbische Polizisten, Armeedepots etc., auf der anderen Seite nimmt der serbische Druck auf Kosovo massiv zu. Serbische Freischärler, wohl unterstützt von Milosevic (was dieser allerdings bestreitet), « säubern » aufständische Dörfer. Es kommt zu Vertreibungen, kollektiven « Bestrafungen », möglicherweise zu Kriegsverbrechen. In dieser Situation beginnen westliche Nationen offen für die Kosovo-Albaner Stellung zu nehmen, es kommt zu Drohungen und Ultimaten gegen Serbien, aber Milosevic gibt nicht nach.
1999 kommt es dann zu kriegerischen Angriffen der NATO (USA; D, F, GB u.a.) zuerst auf serbische Stellungen in Kosovo, dann auf Serbien generell. Massive Bombenangriffe zerstören die serbische Infrastruktur (Brücken, Treibstofflager, Armeeunterkünfte, mitunter aber auch auf zivile Ziele. Schliesslich lenkt Serbien ein: Es kommt zu einer de-facto-Teilung Kosovos; Vertreibungen finden weiterhin statt, wobei sowohl in Kosovo wohnende Serben und Kosovoalbaner in serbisch kontrollierten Gebieten betroffen sind. Die stationierten NATO-Truppen können / wollen das nicht verhindern.

 

 Die Bevölkerung von Kosovo litt enorm zurest duch die innerren Kämpfe, dann durch die Bombenangriffe, dann durch weitere ethnische Säuberungen. Seit Kriegsbeginn gab es eine  Massenflucht, u.a. kamen auch viele Kosovoalbaner in die Schweiz. Die NATO-Truppen, die angetreten waren, um Serbien für die ethischen Säuberungen zu bestrafen, tun nun dasselbe. Eine Lösung des Problems ist weiterhin nicht in Sicht.

Im Oktober 2000 kommt es zu Wahlen in Serbien. Obwohl das Wahlergebnis (gefälscht?) einen zweiten Wahlgang nötig machen würde. erklärt sich die serbische Opposition unter Kostunica, unterstützt vom Westen (v.a. D) zum Wahlsieger. Grosse Demonstrationen in Belgrad zwingen schliesslich Milosevic zum Rücktritt. Kostunica kommt an die Macht, die Sanktionen der westlichen Mächte gegen Jugoslawien werden aufgehoben.  Kostunica  will jetzt mit westlicher Hilfe Jugoslawien wieder aufbauen. Ob das problemlos gelingt, ist unsicher, denn die Parteien, die Kostunica unterstützen, verfolgen unterschiedliche Ziele und Milosevic und einige seiner Anhänger versuchen jetzt aus dem Hintergrund, ihren Einfluss geltend zu machen.