Mehrwert

 

Mehrwert entsteht, wenn jemand  etwas produziert, so dass nachher auf der Welt bezifferbar mehr Werte da sind.

 

Abgrenzung Mehrwert - nicht als Mehrwert zu betrachtende Leistungen

 

Im engen (marxistischen) Sinn bezog sich "Mehrwert" auf die Veredelung von Rohstoffen zu Gütern, die der Mensch zum Leben braucht, also Nahrung, Werkzeuge, Bauten, auch Kulturgüter. Die Differenz vom Wert der Rohwolle zum Wert des Pullovers war der Mehrwert, der durch menschliche Arbeit entstanden ist.

 

Genauere Erläuterung des marxistischen Begriffs Mehrwert:

1 Kg lehmige Erde hat einen kleinen Wert. Ein schöner gebrannter Topf hat einen wesentlich höheren Wert.  Der höhere Wert entsteht durch die Arbeit des Töpfers. Der Töpfer braucht vermutlich eine Töpferscheibe, einen Brennofen etc. Der höhere Wert des Topfes ist also gerechtfertigt durch die Arbeitsleistung des Töpfers und durch die Kosten der benötigten Infrastruktur (Raum, Töpferscheiben-Benutzung etc.). Die für Marx entscheidende Frage ist, wer jetzt die Preisdifferenz erhält. Er kritisiert, dass im Kapitalismus oft  nur ein verschwindend kleiner Teil an den produzierenden Arbeiter geht, der grösste Teil geht an den Unternehmer, der die Infrastruktur dank seinem Kapital zur Verfügung stellen kann. Zwar ist klar, dass der Kapitalist für seine Investitionen, für eine Erneuerung des Maschinenparks, für seine Organisation des Ein- und Verkaufs, des Lagers etc. einen Teil des Mehrwerts erhalten muss. Der Rest des Mehrwerts sollte aber an die Arbeiter (Töpfer...) verteilt werden. Das geschieht aber oft nicht, sondern der Kapitalist drückt die Löhne so weit wie möglich, um seine Produkte (bei Überproduktion) billiger als sein Konkurrent anbieten zu können. Darunter leiden die Arbeiter. Sie sollten sich darum zusammenschliessen und sich zur Wehr setzen, um den Teufelskreis der Lohn drückenden Konkurrenzkämpfe zu verhindern [1] und um Existenz sichernde Löhne zu erhalten.

 

Auch im traditionellen Sinn Mehrwert produzierend sind erbrachte Dienstleistungen wie ärztliche Gesundheitspflege, Schulung, Transporte etc.

 

Was ist ein Wert?
Wenn jemand einen miserablen Film dreht, den niemand will: Hat der Mehrwert produziert oder Werte (Strom, Filmmaterial etc.) zerstört?
Der Tauschwert des Films ist null, denn niemand ist bereit, Geld (als Werte-Äquivalent) oder Arbeit etc. herzugeben, um den Film zu sehen. Der innere Wert (Rohmaterial + investierte Arbeit) mag beträchtlich sein. In diesem Fall hat der Filmproduzent „am Markt vorbei produziert“, d.h. einen Mehrwert produziert, der nicht in Tauschwert umgewandelt werden kann. (Dasselbe tut ein Kind, das kurz vor der Flut eine prächtige Sandburg am Strand baut.)
Global betrachtet (z.B. aus der Perspektive der Umwelt) hat er (ökologische) Werte zerstört.

 

Neu wird auch die Arbeit einer Hausfrau als bezifferbarer Wert betrachtet; auch die Arbeit einer Prostituierten  unterliegt zwar nicht der Mehrwertsteuer, wohl aber der Einkommenssteuer, womit eine gesellschaftliche Anerkennung dieser Arbeit gegeben scheint. Privates Küssen, Kämmen, Baden, Essen etc schafft keinen Mehrwert.

 

Tendenz: Immer mehr Dinge, die man nicht als bezifferbaren Wert betrachtete, werden heute als kommerzielle Ware behandelt, z.B. Naturschönheiten, Wasservorkommen, Land, bald Luft; Diese Werte werden nicht vom Menschen gemacht, aber von ihm erkannt ("entdeckt"), möglicherweise auch gehegt und gepflegt. Alten- und Krankenpflege, z.T. Sex, Singen etc. gilt heute mancherorts als Schaffung von Mehrwert, wurde aber lange als unkommerzielle Tätigkeit wie das Atmen aufgefasst.

 

Börsengewinne unterliegen nicht der Einkommenssteuer, schon gar nicht der Mehrwertsteuer, sind also schon darum nicht einmal im Kapitalismus als Mehrwertproduktion zu betrachten. Die reine Vermehrung des Gelds schafft keinen Mehrwert, denn Geld ist nur ein Äquivalent zum Wert, nicht ein Wert selbst (ausser Goldmünzen, Papierwert der Banknoten usw...)

 

 

Mehrwert ist nicht individuell, sondern nur im sozialen Zusammenhang definierbar

 

Die Frage stellt sich, ob Produkte und Dienstleistungen, die nicht der Allgemeinheit zur Verfügung stehen, als Mehrwert schöpfend betrachtet werden können. Wenn ich mir in meiner Phantasie ganz privat etwas Prachtvolles vorstelle, ist das kaum als Mehrwert anerkannt. Wenn ich das am Radio bringe oder in einem Buch veröffentliche, dann schon. Wenn ich mir ein Glas Wasser einschenke, schaffe ich keinen Mehrwert; wenn das der Kellner im Café macht, wird nach geltender Auffassung Mehrwert produziert.

 

Mehrwert entsteht also durch zielgerichtete menschliche Arbeit zuhanden eines Nutzens für die Allgemeinheit ( [2] ?!) .

 

 

Wer kann Mehrwert produzieren?

 

Nach Marx entsteht Mehrwert immer durch menschliche Arbeit.

Aber: Wer erbringt eigentlich den Mehrwert,

 

Da der Begriff Ökonomie / Wirtschaft sich immer nur auf Menschen bezieht, gehen wir davon aus, dass nur der menschliche Eingriff Mehrwert schafft.

 

Eine andere Betrachtensweise, z.B. die Frage, ob bei unseren Aktivitäten Mehrwert für Tiere und Natur entsteht oder ob sie die Mehrwert schaffenden "Arbeiter" sind (Wieviel Lebensraum von wertvollen / wertlosen (?!) Tieren zerstören wir mit unserer Mehrwertproduktion? Was ist überhaupt ein Nutzen für die Natur, was ein Schaden? Und: Hat eine Pflanze, ein Tier, ein Berg Anrecht am Ertrag (Mehrwert), den sie produzieren? In welcher Form?) setzte eine total anders konzipierte Wirtschaftswissenschaft voraus, die mehr Fragen als Antworten liefern müsste.

 

 

Geld und Mehrwert

 

Egal, wie eng oder wie weit wir den Begriff Mehrwert definieren:

 

Die Menge der Werte (produzierter Mehrwert, innere Werte) auf der Welt ist begrenzt, wenn auch je nach Definition sehr unterschiedlich

Ähnliches galt im Prinzip für das Geld, das Äquivalent zum Wert. Neben den Goldmünzen, die selbst ein Wert sind, gibt es sehr viel mehr Banknoten, die nur als Äquivalent einen Wert haben. Noch viel grösser sind die Geldmengen, die rein rechnerisch existieren.

 

Verhängnisvoll ist, dass die Werte und die Geldvermehrung unabhängig voneinander wachsen. Dank der nicht kontrollierbaren Expansion der rechnerischen Geldmenge wächst die Geldmenge viel schneller als die Produktion der Werte. In der Weltwirtschaft wird der Tauschwert, d.h. das Verhältnis von Geldmenge und Wertmenge, immer wieder neu eingestellt (Angebot und Nachfrage), d.h. bei wenig Geld und viel Wert bekommt man für einen Dollar mehr als bei relativ wenig Werten und viel Geld (Inflation).
Wer die Geldmenge vergrössert, ohne für die Vergrösserung der entsprechenden Werte zu sorgen, sorgt also für eine Verteuerung der Werte (resp. eine Entwertung des Gelds), nimmt also allen anderen etwas weg, indem er dafür sorgt, dass das Geld in ihren Händen weniger wert wird.

 

Wer sehr viel Geld hat, begrenzt damit gleichzeitig die Möglichkeiten der anderen, denn Reichtum an Geld ist nur in Relation zum gesamten Wertevolumen definierbar.

 

Börsengewinne sind folglich nur eine Umverteilung von der Geldbörse der meisten Menschen in die Tasche der Börsengewinnler.

 

Im Kapitalismus versucht man das kaum kontrollierte Wachstum der Geldmenge (und damit den Zerfall des Geldwerts) dadurch zu bremsen oder zu verschleiern, indem man vieles, was die Welt bietet und die Menschen machen, zu kommerzialisieren versucht, das heisst als neue Wertmenge deklariert.

So war das Land, das Wasser, die Luft ursprünglich einfach eine Gegebenheit der Natur, kein bezifferbarer Wert. Schon in der europäischen Antike wurde das Land zum tauschbaren Wert; heute bemühen sich verschiedene internationale Konzerne (z.B. Vivendi) im grossen Stil, das Wasser (die Quellen) weltweit als Handelsware zu etablieren. Wie lange gilt die atembare Luft noch als Allgemeingut?

 

Durch die Kommerzialisierung bisherigen Allgemeinguts scheint der aufgeblähten Geldmenge ein vergrösserter Mehrwert gegenüberzustehen. Diese Fehlrechnung wird von jenen bezahlt, die bisher gratis von der Natur profitiert haben. [3] . ch



[1]   Heute verhindert die Globalisierung (die sich Marx anders vorgestellt hat) zunehmend den Kampf der Arbeitenden für gerechte Löhne und zwingt die arbeitsintensive Produktion ins Ausland. Die Gewinne werden aber meist von Kapitalisten aus reichen Ländern eingestrichen.)

[2] Allerdings: Wer ist das genau?
[3] An der HSG St. Gallen gibt es Wirtschafts-Professoren, die (in Radiointerviews als Antwort auf die Frage, wer die Gewinne bezahlt) behaupten, dass spekulative Kapitalgewinne (konkret: Börsengewinne infolge Firmenfusionen) eine „Win-Win-Situation“ darstellen. Das ist ideologische Blindheit, die den Kapitalisten nützt (wenn es nicht eine bewusste zynische Lüge war).