Gštz Aly, Susanne Heim:

Vordenker der Vernichtung

(Ausschnitte aus dem gleichnamigen Fischer TB)

Dietrich Troschke, TagebuchblŠtter, Januar 1941:

ÈMit gemischten GefŸhlen treten wir die Reise an. Die Warnungen, mit denen man uns ŸberschŸttet, sind nicht unbegrŸndet. Der Fahrer mu§ mittleres Tempo halten, sonst bleiben wir unweigerlich in den Schneemassen stecken. In solchen Augenblicken ist es lebensgefŠhrlich, den Wagen zu verlassen, um zu Fu§ durch den meterhohen Schnee zu stapfen. Leicht versinkt man im Schnee und der Schneetod ist in Polen nichts Au§ergewšhnliches. Plštzlich sichten wir vor uns in gleicher Richtung einen Bauernwagen. Wir kšnnen nicht zu weit von der Mitte der Bahn abweichen, um nicht selbst festzufahren. Auf die ersten Zeichen reagiert der Bauer nicht. Schnell nŠherfahrend wiederholen wir das Signal. Der Bauer bleibt stur und lŠ§t sich nicht bewegen, seitlich auszuweichen. Erst im letzten Moment begreift er die Situation, rei§t sein Pferd nach rechts herum, aber schon ist es zu spŠt. Mit dem rechten KotflŸgel ergreifen wir seine hintere Wagenachse mit ziemlicher Wucht. Durch den Aufprall gerŠt der Panjewagen aus sŠmtlichen Fugen. TatsŠchlich fallen alle vier RŠder zur Seite, das Mittelbrett des Wagens saust mit einem Ruck zur Erde samt der Deichsel, und der Bauer setzt hart auf den Boden auf. Der Bauer hockt wie versteinert auf seinem Brett, und wir im Auto mŸssen, obschon uns der Schreck noch in den Gliedern sitzt, lachen, die Situation wirkt zu grotesk. Der Fahrer springt aus dem Wagen, schaut sich den verbogenen KotflŸgel an und schlŠgt ihn einigerma§en wieder in die alte Form. Den Mann seinem Schicksal Ÿberlassend, Ÿber das er nun in Ruhe nachdenken kann, indem er langsam die Teile seines Wagens nach und nach zum Hof zurŸcktrŠgt - bei dem Sturm sicher kein VergnŸgen! - setzen wir die Fahrt fort.Ç

Hermann Voss, seit April 1941 Anatom an der ÈReichsuniversitŠtÇ Posen, vertraute seinem Tagebuch folgende Eintragungen an:

È23.6.1935: Das polnische Volk vermehrt sich doppelt so schnell wie das deutsche, und das ist das Entscheidende! Die viel primitiveren slavischen Všlker werden das deutsche Volk, das sich bei weitem nicht genŸgend vermehrt, auffressen.Ç

È18.5.1941: Kollege Kšhler ist am Freitag wieder eingetroffen und hat ein Zimmer in meinem Institut bezogen. Ich habe nun an den Sonntagen etwas Gesellschaft, was sehr angenehm ist. Denn diese schrecklich einsamen Sonntage, die ich hier verlebt habe, waren schrecklich. Gestem Nachmittag waren wir nach Kundorf hinaus. (. . .) Dort trafen wir fast nur Polen aus den VorstŠdten und sahen auf diese Weise einmal, wieviele von dieser elenden Gesellschaft noch hier sind. Kommt man immer nur in die innere Stadt, so bemerkt man das gar nicht so.Ç È24.5.1941: Hier im Keller ist auch eine Verbrennungseinrichtung fŸr Leichen. Sie steht jetzt ausschlie§lich im Dienst der Geheimen Staatspolizei. Die von ihr erschossenen Polen werden hier nachts eingeliefert und verbrannt. Wenn man doch die ganze polnische Gesellschaft so vemichten kšnnte! Das polnische Volk mu§ ausgerottet werden, sonst gibt es hier keine Ruhe im Osten. Ç

È2.6.1941: Ich denke, da§ man die polnische Frage ohne GefŸhl sehen mu§, rein biologisch. Wir mŸssen sie vernichten, andernfalls vemichten sie uns. Und deshalb freue ich mich Ÿber jeden Polen, der nicht mehr lebt.Ç

È15.6.1941: Fast tŠglich kommt jetzt das graue Auto mit den grauen MŠnnern, d. h. SS-MŠnnern von der Gestapo und bringt Material fŸr den Ofen. Da er gestern nicht in Betrieb war, konnten wir hinschauen. Es lag drin die Asche von vier Polen. Wie wenig doch von einem Menschen Ÿbrigbleibt, wenn alles Organische verbrannt ist! Der Blick in einen solchen Ofen hat etwas sehr Beruhigendes. Wie sagte doch Marschall Ney vor seiner Hinrichtung: ou bientot un peu de poudre. Die Polen sind augenblicklich wieder sehr frech und infolgedessen hat unser Ofen viel zu tun. Wie schšn wŠre es, wenn man die ganze Gesellschaft durch solche …fen jagen kšnnte.Ç

 

Einleitung

Obwohl schon bald viermal soviel Zeit verstrichen ist, wie das ÈDritte ReichÇ selbst andauerte, prŠgt es die Gegenwart noch immer. Sein unblutiges Erbe gehšrt zu den SelbstverstŠndlichkeiten unseres Alltags: Es reicht von der polizeilichen Meldegesetzgebung Ÿber den Volkswagen bis zur Marktordnung fŸr landwirtschaftliche Produkte. Dazu gehšrt die Umbenennung der ÈHilfsschuleÇ in ÈSonderschuleÇ ebenso wie die Abschaffung der Deutschen Schrift. Der nationalsozialistische Staat entwickelte beides: Eine bis dahin in Deutschland nicht bekannte Dynamik der Modernisierung und zugleich eine - bis dahin nirgendwo bekannte - Systematik der Zerstšrung und Ausrottung. Der Tod und das unsŠgliche Leid von Abermillionen Menschen sind das blutige Erbe jener zwšlf Jahre.

Seit einiger Zeit geraten zwar die Modernisierungsdynamik des Nationalsozialismus und damit jene Institutionen und Personen, die diesen Proze§ vorantrieben, ins Blickfeld der Geschichtsbetrachtung, doch macht die Analyse im allgemeinen dort halt, wo Auschwitz beginnt. In diesem Buch versuchen wir, die ZusammenhŠnge zwischen der Politik der Modernisierung und der Politik der Vernichtung offenzulegen. Wir beschreiben die Wechselbeziehungen von bestimmten PlŠnen und Taten, die im damaligen Deutschland entwickelt und begangen wurden. Sie waren darauf gerichtet, dem Deutschen Reich und schlie§lich dem gesamten europŠischen Kontinent neue politische, škonomische und soziale Strukturen aufzuzwingen, und zwar binnen kŸrzester Frist. Dies setzte den Krieg ebenso voraus wie die Entrechtung und Enteignung von Menschen.

Diese PlŠne verbanden sich mit der aggressiven Ideologie des Nationalsozialismus zur politischen und militŠrischen Aggression; es folgten - immer schneller - radikalere Vorhaben fŸr eine neue europŠische Ordnung, fŸr ein deutsches Europa: Blitzkriege, Strukturmodelle, VernichtungsfeldzŸge, GeneralsiedlungsplŠne, Gaskammern. Das Jahr 1941 - das Jahr der Siegeserwartung und des Rausches, alles und jedes neu ÈgestaltenÇ zu kšnnen - ist gleichzeitig das Jahr, in dem die deutsche StaatsfŸhrung Ÿber den Mord an vielen Millionen Menschen entschied. Die GrŸnde dafŸr erschlie§en sich ausreichend weder aus der Person eines Hitler, Himmler oder Goebbels noch aus der Selbstverhetzung und Verhetztheit eines ganzen Volkes, auch nicht aus dem ÈSelbstlaufÇ der Ausgrenzungsmaschinerie und ihrer hochgradig arbeitsteiligen, reibungslosen - eben deutschen - Funktionsweise. Das alles hatte seine Bedeutung und gehšrt zu den Voraussetzungen der von den Deutschen begangenen Massenmorde.

DarŸber hinaus aber existierten im Hintergrund Denkmodelle, Konzepte fŸr ÈEndlšsungenÇ, die die staatlich gesteuerte Massenvernichtung von Menschen - zwar selten ausdrŸcklich, aber um so hŠufiger mit sterilen wissenschaftlichen Begriffen - als funktional im Sinne einer langfristigen gesellschaftlichen Modernisierung empfahlen. Sie sind unserThema. In ihrer Abstraktheit stehen diese Denkmodelle in einem scheinbaren Gegensatz zum WŸten der Schergen. Und doch verfŸgte das nationalsozialistische Deutschland nicht nur Ÿber eine Ideologie, die allen als ÈminderwertigÇ eingestuften Menschen die Ausrottung zudachte, sondern zugleich Ÿber bis ins Detail durchdachte Theorien, wie ganze gesellschaftliche Klassen, MinoritŠten und Všlker ÈumgeschichtetÇ und dezimiert werden sollten. Ideologie und Theorie mu§ten aufeinandertreffen und ineinandergreifen, um Hadamar, Cheimno, Leningrad, Stukenbrock, Treblinka und Auschwitz ins Werk zu setzen. Und: Mit jedem weiteren Jahr der Existenz des nationalsozialistischen Deutschland wŠren weitere Millionen von Menschen umgebracht worden: mit dem Instrumentarium des Hungers, der Vertreibung, der Gaskammer und der ÈVernichtung durch ArbeitÇ.

 

Unsere †berlegungen und die Ergebnisse unserer Quellenforschung widersprechen einem bereits festgefŸgten Geschichtsbild: Wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, so herrscht doch breite †bereinkunft darŸber, da§ sich der Mord an der europŠischen Judenheit historisch-rationalen ErklŠrungsversuchen verschlie§t. Hannah Arendt hebt gerade dies hervor: Das Einzigartige sei eben nicht die Zahl der Opfer, sondern das Fehlen jeder NŸtzlichkeits- und InteressenabwŠgung auf der Seite der Mšrder. Die Dokumente, die wir in diesem Buch vorlegen und interpretieren, zeigen, da§ diese These nicht aufrechterhalten werden kann. Ebenso wie bei den Massenmorden an deutschen Geisteskranken und an der polnischen, jugoslawischen und sowjetischen Bevšlkerung sind auch bei der Ermordung der europŠischen Juden utilitaristische Ziele erkennbar. Das macht diese Mordtaten nicht weniger entsetzlich.

Im Zusammenhang mit Auschwitz ist heute die Rede von Èirrationalstem Rassenha§Ç, von ÈVernichtung um der Vernichtung willenÇ, vom ÈSelbstlaufÇ der deutschen BŸrokratie, vom ÈRŸckfall in die BarbareiÇ und vom ÈZivilisationsbruchÇ. Meist einfach Ÿbergangen oder doch relativiert wird dabei, da§ die Vordenker der ÈEndlšsungÇ die Ausrottungspolitik gegen andere Bevšlkerungsgruppen, insbesondere die Sowjetunion und Polen, in einer Linie mit dem Mord am europŠischen Judentum sahen, als Bestandteil eines Gesamtkonzeptes Ènegativer BevšlkerungspolitikÇ.

Unsere Analyse zeigt, da§ dabei WillkŸr und Selbstlauf eine untergeordnete Rolle spielten, da§ im Gegenteil die Spitzen des damaligen Staates wissenschaftliche Politikberatung in hohem Ma§e fšrderten und deren Ergebnisse als wichtige Grundlage gerade auch fŸr die Entscheidungen Ÿber den Mord an Millionen Menschen nutzten:

Heinrich Himmler stand nicht nur im Sicherheitsdienst eine durchaus unorthodoxe und Šu§erst qualifizierte Denkfabrik mit entsprechender Datenbank zur VerfŸgung, sondern er berief zum Beispiel einen speziellen ÈInspekteur fŸr StatistikÇ, dessen wichtigste Aufgabe es war, ihn mit empirischem Grundlagenmaterial Ÿber die soziale Zusammensetzung der SS und fŸr die SiedlungsplŠne im Osten zu versorgen. Um das weitere Schicksal des Warschauer Ghettos zu entscheiden, las Hans Frank ein eigens dafŸr in Auftrag gegebenes Gutachten des Reichskuratoriums fŸr Wirtschaftlichkeit (RKW) durch und machte sich dessen Thesen zu eigen. Kurz zuvor hatte der Reichsfinanzminister persšnlich, um sich ins Bild zu setzen und um fŸr weitere Auseinandersetzungen gerŸstet zu sein, das Lodzer Ghetto einer WirtschaftlichkeitsprŸfung durch den Reichsrechnungshof unterziehen lassen. WehrmachtsfŸhrung und Ministerien lie§en sich allein vom Kieler Institut fŸr Weltwirtschaft mehr als 1600 Geheimgutachten erstellen, um die wirtschaftsstrategische Seite des Krieges abzusichern. Ein frŸhes Zeugnis dieser Art von Politikberatung im nationalsozialistischen Deutschland dokumentiert Hermann Rauschning aus dem Jahr 1934:

ÈIch berichtete Hitler, was ich von der >Planungsstelle< Kochs (d. i. der Gauleiter von Ostpreu§en, d.V.) gesehen hatte. Ein junger Professor v. GrŸnberg hatte da phantastische >Planlandschaften< der Zukunft entwickelt. Er hatte in seinem Institut Karten entwerfen lassen mit Verkehrslinien, Kraftfeldern, Kraftlinien, Autostra§en, Bahnlinien, Kanalprojekten. Genau geplante Wirtschaftslandschaften erstreckten sich Ÿber den ganzen Osten bis zum Schwarzen Meer, bis zum Kaukasus. Auf diesen PlŠnen waren bereits Deutschland und Westru§land eine riesige wirtschaftliche und verkehrspolitische Einheit. SelbstverstŠndlich nach Deutschland orientiert, von Deutschland geplant und gefŸhrt. Es gab in dieser >Planwirtschaft< kein Polen mehr, geschweige denn ein Litauen . . .Ç

Die FŸhrungsspitze des nationalsozialistischen Staats entschied in der Regel nicht einfach nach GutdŸnken, sondern auf der Grundlage umfassender Denkschriften. So bezeichnete sich etwa Hermann Gšring bei der entscheidenden Konferenz vom 12. November 1938 Èals nicht versiert genugÇ, um selbst die Konsequenzen einer ÈEntjudung der WirtschaftÇ einzuschŠtzen.

Er bat um VorschlŠge, fand sie ÈwunderbarÇ, lie§ sich Erlasse formulieren, setzte sie in Kraft. An der Konferenz nahmen mehr als 100 Leute teil. Sie reprŠsentierten ganz Ÿberwiegend den in Verwaltungs- und Wirtschaftsfragen Šu§erst kompetenten Mitarbeiterstab Gšrings und eine die gesamte damalige Politik beratende Intelligenz, die, wenn von den nationalsozialistischen Verbrechen die Rede ist, allzu leicht im Schatten der prominenten, in zeitgenšssischen und spŠteren Darstellungen schier allmŠchtig erscheinenden NazifŸhrer verschwindet.

In seinem bis heute Šu§erst wichtigen Buch ÈBehemothÇ spricht der Jurist und Politikwissenschaftler Franz Neumann von Industrie, BŸrokratie, Partei und MilitŠr als den vier SŠulen der NS-Herrschaft. Diese SŠulen konnten das immer monstršser werdende imperiale GebŠude des damaligen deutschen Staates nicht zuletzt deshalb so lange tragen, weil sie durch ebendiese wissenschaftliche Beratung miteinander verstrebt und permanent stabilisiert wurden.

Die Berater der Macht wirkten in unterschiedlich organisierten und sich verŠndernden Gremien, die sich aus StaatssekretŠren, leitenden Ministerialbeamten und Experten unterschiedlichster Couleur und Fachrichtungen zusammensetzten. SpŠter rŸhmten sich diese MŠnner selbst, ÈKrisenmanager im Dritten ReichÇ gewesen zu sein.

Wir schildern in diesem Buch die Arbeit dieser Wirtschafts- und Verwaltungsfachleute, der Raumplaner, Statistiker und Agronomen, Arbeitseinsatzspezialisten und Bevšlkerungswissenschaftler. Wir versuchen, ihr Einwirken auf die zentralen Entscheidungen der Jahre 1940 und 1941 zu analysieren. Es geht dabei um konkrete Verantwortlichkeit, um den planend-vorantreibenden Anteil dieser Experten an millionenfachem Mord.

Viele dieser Experten standen den neuen Machthabern zunŠchst durchaus distanziert gegenŸber und traten, wenn Ÿberhaupt, erst lange nach 1933 der NSDAP bei - weil sie ihre Karriere befšrdern wollten, aber auch im Bewu§tsein, so die Politik besser mitgestalten und beeinflussen zu kšnnen. Erst allmŠhlich und dann von 1938 an immer schneller gelangten diese MŠnner, die sich von den Ideologen der ÈKampfjahreÇ grŸndlich unterschieden und sie weitgehend verdrŠngten, in die politischen Entscheidungszentren, gewannen von Monat zu Monat mehr planende Gewalt Ÿber das Schicksal von Tausenden und schlie§lich vieler Millionen Menschen. Ihr Einflu§ wuchs bis Ende 1941 mit jedem Expansionsschritt. Jedesmal konnten sie ihre VorschlŠge und Alternativen weniger eingeschrŠnkt formulieren, jedesmal brauchten sie weniger RŸcksicht zu nehmen auf die widersprŸchliche soziale RealitŠt im Deutschen Reich und in den besetzten LŠndern. Der Kompromi§ galt als Zeichen geistiger Schlappheit, offenkundige Verbrechen wurden schlicht zur Notwendigkeit erhoben, ÈSpesen gro§er ZeitenÇ genannt. SS-Offiziere, Beamte, Wissenschaftliche Assistenten, WirtschaftsfŸhrer oder Ingenieure zeigten sich von den neu eroberten ÈRŠumenÇ und ihren scheinbar grenzenlosen Mšglichkeiten ebenso beeindruckt wie von der Grš§e der Aufgabe und davon, ihre hochfliegenden PlŠne ohne nennenswerte bŸrokratische Hindernisse exekutieren zu kšnnen.

Diese jungen aufstiegsorientierten Praktiker und Akademiker, deren Konzepte im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen, betrachteten das dicht bevšlkerte, historisch kompliziert gewachsene Europa mit all seinen Unterschieden und GegensŠtzen als Rei§brett fŸr ihre Planung. Osteuropa war fŸr sie ein einziges Brachland, das nach ÈBereinigungÇ und ÈNeuaufbauÇ verlangte. Sie wollten rationellere Produktionsweisen durchsetzen, Produkte normieren, internationale Arbeitsteilung einfŸhren, die sozialen Strukturen neu und Ÿbersichtlich gestalten, die Zahl der ÈunproduktivenÇ Menschen mšglichst gering halten. Am Ende sollten weite Teile Europas an den Interessen der deutschen Wirtschaft und dem deutschen Streben nach Vorherrschaft ausgerichtet sein. Dabei setzten die Vordenker dieser Politik, um mšglichst billig und schnell zum Ziel zu gelangen, auf ein neues, wissenschaftlich fundiertes Konzept: auf die Bevšlkerungsškonomie. Mit Hilfe staatlicher Geburtenfšrderung und -kontrolle, Umsiedlung und Vernichtung sollten die Zahl und die qualitative Zusammensetzung der Menschen fortlaufend gesteuert werden.

Im Verlauf des Kriegs, in dem Nahrungsmittel, Rohstoffe und Kapital immer knapper wurden, war fŸr diese Planer die Bevšlkerung bald der einzige škonomische ÈFaktorÇ, den sie wirklich noch verŠndern konnten. In ihrer Optik gab es 1941 im Deutschen Reich zwar ein bis zwei Millionen ArbeitskrŠfte zuwenig, gleichzeitig aber 30 bis 50 Millionen ÈunnŸtze EsserÇ in Europa, Menschen, deren Arbeitskraft nicht ausgenutzt war und sich ohne weitreichende sozialpolitische Eingriffe auch nicht ausnutzen lie§. Also arbeiteten die Vordenker der Neuordnung an einer Konzeption, die das VerhŠltnis zwischen produktiven und unproduktiven Bevšlkerungsgruppen, zwischen arbeitenden und angeblich zuwenig oder gar nicht arbeitenden Menschen ÈkorrigierenÇ sollte. In Ost- und SŸdosteuropa fehlte in den Augen dieser deutschen Intelligenz ein Mittelstand, der stabile soziale VerhŠltnisse garantierte und den Binnenmarkt entwickelte. Zugleich aber herrschte dort nach diesen Ma§stŠben ȆberbevšlkerungÇ, lebten auf dem Land zig Millionen Menschen zuviel arm, genŸgsarn und ohne Gewinnstreben: Sie standen einer modernen Wirtschaftsentwicklung nach deutschem Modell im Wege und mu§ten entfernt werden, wenn es Ÿberhaupt gelingen sollte, die Verbleibenden ausbeutbar zu machen. So wurden ÈUmsiedlungÇ, ÈArbeitseinsatzÇ und ÈEvakuierungÇ zu den zentralen Instrumenten deutscher Neuordnung.

Dabei planten die Konstrukteure des europŠischen ÈGro§raumsÇ von vornherein wirtschaftliche Benachteiligung, Hunger und Mord an Minderheiten, spŠter ganzen Všlkern ein, um der Mehrheit, insbesondere der deutschen Mehrheit, Vorteile zu verschaffen oder doch wenigstens den sozialen Status quo zu garantieren. Ein Beispiel dafŸr ist die Tatsache, da§ die jetzt noch lebende Šltere Generation davon berichtet, in Deutschland erst nach dem Krieg wirklich gehungert zu haben - als nŠmlich der Staat zusamrnengebrochen war, der ihre ErnŠhrungs-, Bekleidungs- und Wohnungsproblerne mit Hilfe von Massenenteignung, Krieg und Gaskarnmern ÈgelšstÇ hatte. In der konkreten Ausgestaltung dieser sozialen Hierarchie, die fŸr viele Millionen Menschen Deportation und Tod bedeutete, lie§en sich die strategischen Absichten der Planer und die rassistische Ideologie in †bereinstimmung bringen. Heinrich Himmler formulierte dieses mšrderische Konzept einfach und unverhohlen: ÈMan (kann) die soziale Frage nur dadurch lšsen, da§ man die anderen totschlŠgt, damit man ihre €cker bekommt.Ç

 

Den historischen Stoff unserer Darstellung haben wir in drei Komplexe unterteilt: Wir nehmen das Jahr 1938, also das Jahr der Annexion …sterreichs und des Sudetenlands, zum Ausgangspunkt und zeigen, wie sich von nun an und in engstem Zusammenhang mit der weiteren territorialen Expansion der Antisemitismus in ein Konzept der ÈNeuordnungÇ einfŸgte und in eine Politik der systematischen ÈEntjudungÇ umgesetzt wurde. Es folgte der Krieg gegen Polen, die Zerschlagung des Landes. Wir stellen die deutschen Projekte dar, die der vollstŠndigen VerŠnderung der Bevšlkerungs- und Wirtschaftsstruktur Polens dienen sollten. Die Planungsexperten benutzten das besetzte Land - die Èeingegliederten OstgebieteÇ und das ÈGeneralgouvernementÇ - als Exerzierfeld: Die ÈJudenfrageÇ stellte sich ihnen hier erstmals Èals bevšlkerungspolitische MassenfrageÇ, die mit den bis dahin Ÿblichen Mitteln des Terrors, der Enteignung und Vertreibung nicht mehr zu ÈlšsenÇ war. Wichtig dabei ist, wie sich die PlanungsstŠbe der SS und der zivilen Verwaltungen auf eine einheitliche Konzeption verstŠndigten. Eine solche Betrachtung macht deutlich, wie gerade der konstruktive ÈAufbau- und NeuordnungswillenÇ der deutschen Zukunftsplaner zum Všlkermord fŸhrte. Als dritte Stufe stellen wir die Perspektiven des Jahres 1941 dar: Im besetzten Polen gerieten Siedlungspolitik einerseits und wirtschaftliche AufbauplŠne andererseits immer mehr in Widerspruch zueinander. Mit dem Krieg gegen SŸdosteuropa sollten die militŠrischen Voraussetzungen fŸr eine EuropŠische Wirtschaftsgemeinschaft unter nazistischen Vorzeichen geschaffen werden. Aber auch hier behinderte nach Ansicht deutscher …konomen die ȆberbevšlkerungÇ die Entwicklung einer neuen Wirtschaftsordnung, galten ihnen viele Millionen Menschen als ÈunproduktivÇ und ȟberzŠhligÇ. Ebenso sahen die PlŠne fŸr die militŠrische und siedlungspolitische Eroberung der Sowjetunion vor, dort die Bevšlkerung zu ÈreduzierenÇ - mit welchen Mitteln auch immer. Hinzu kam, da§ sich Schwierigkeiten in der Nahrungsmittelversorgung abzeichneten, die die ÈStimmungÇ an der ÈHeimatfrontÇ gefŠhrdeten: Um die ErnŠhrung der Bevšlkerungsgruppen zu gewŠhrleisten, die nicht als ÈminderwertigÇ klassiert wurden, sollten 30 Millionen sowjetische Kinder, Frauen und MŠnner verhungern. Diese PlŠne standen nicht isoliert. Sie gehšrten zum Entscheidungshintergrund fŸr die im Sommer 1941 beschlossene ÈEndlšsung der JudenfrageÇ. Diese Entscheidung fšrderten deutsche Wirtschaftsfachleute zusŠtzlich dadurch, da§ sie Gutachten erstellten, denen zufolge aus den enteigneten, in den Ghettos hungernden Menschen kein Gewinn mehr herauszupressen war: sie am Leben zu erhalten war demnach selbst bei hŠrtester Zwangsarbeit unrentabel.

Zur Rekonstruktion des Geschehens gehšren immer auch die Biographien der an diesen Planungen beteiligten Wissenschaftler und leitenden Ministerialbeamten. Individuelle Karriere und personelle Verflechtung machen sichtbar, wie Ideen und VorschlŠge ihren Weg von unten nach oben nahmen, wie durchlŠssig der nationalsozialistische Staat in dieser Hinsicht war. DarŸber hinaus spielen biographische Details und die Darstellung der mittleren Ebenen des institutionellen GefŸges eine wichtige Rolle, wenn es gilt, neue Dokumente ausfindig zu machen und EntscheidungsablŠufen auf die Spur zu kommen. Denn zahlreiche Entscheidungen in den zentralen Institutionen wurden mŸndlich getroffen und angeordnet, aber nie schriftlich festgehalten. In vielen Bereichen des nationalsozialistischen Herrschaftsapparates wurden die wichtigsten schriftlichen Unterlagen teils sofort (ÈGeheime Reichssache - nach LektŸre vemichten!Ç), teils in den letzten Monaten des Krieges verbrannt. So geschah es in den meisten HauptŠmtern der SS, in den Dienststellen Gšrings; das gilt fŸr die Meldungen der Sicherheitspolizei aus dem Generalgouvernement, Heydrichs Denkschrift Ÿber die ÈEndlšsung der JudenfrageÇ und viele andere Dokumente. Es ist bezeichnend und gehšrt zu den spezifischen Schwierigkeiten einer solchen Untersuchung, da§ die systematische Politik des Massenmords offensichtlich selbst in den geheirnen Lageberichten des Sicherheitsdienstes tabuisiert wurde.

Nicht zuletzt lenken die biographischen Einzelheiten den Blick auf die Angehšrigen einer Intelligenz, von der bislang auch deswegen so wenig die Rede war, weil die Bundesrepublik Èbeim Wiederaufbau in hohem Ma§e auf die alten Funktionseliten, die schon dem NS-Regime gedient hatten, zurŸckgriffÇ . Die Angehšrigen dieser Intelligenz mu§ten nach 1945 ein fundamentales Interesse daran haben, den Nationalsozialismus als eine Periode deutscher Politik hinzustellen, in der ihre Mšglichkeiten der Einflu§nahme immer vieder Èan den AbgrŸnden des Wahns und der WillkŸrÇ scheiterten. Unser Thema sind dagegen die AbgrŸnde eines planenden, praxisorientierten Rationalismus, der von sich aus dazu tendiert, moralische Bindungen abzuschŸtteln, und dafŸr im Nationalsozialismus ideale Bedingungen fand.

 

Zwischenergebnis

Im annektierten …sterreich hatten deutsche Wirtschaftsfachleute eine antijŸdische Politik entwickelt, die die Diskriminierung mit einem volkswirtschaftlichen Programm struktureller Sanierung verband. Unrentable Betriebe wurden stillgelegt und dadurch die Kapitalkonzentration erhšht. Im Prinzip arbeiteten die deutschen Wirtschaftsplaner bis zum Jahr 1941 in allen besetzten LŠndem auf dieser Linie weiter, wobei sie, insbesondere in Westeuropa, die Politik der ÈEntjudungÇ mit der der Kapitalverflechtung kombinierten. Das Programm hatte seine profiliertesten Vertreter in Gšrings Vierjahresplanbehšrde. Es flankierte wirtschaftliche Modernisierung, Kriegsvorbereitung und schlie§lich wirtschaftspolitische Kriegsziele.

Auch fŸr das besetzte Polen galt nach einigem Hin und Her das Wiener Modell der Wirtschaftssanierung; die Karrieren von Emmerich, Gater, Globocnik und anderen begŸnstigten den Transfer der Wiener Erfahrungen ins besetzte Polen. DarŸber hinaus aber entwickelten die deutschen Besaeungsbeamten und -wissenschaftler dort, insbesondere im Generalgouvernement, die ÈTheorie der †berbevšlkerungÇ in einer Weise weiter, die sie mit der Politik der rassistischen Diskriminierung in Einklang brachte. In den annektierten westpolnischen Provinzen, den sogenannten eingegliederten Ostgebieten, arbeitete der Reichskorninissar fŸr die Festigung deutschen Volkstums daran, eine všllig neue, genau durchgeplante soziale und škonomische Ordnung zu errichten. Die Basis dafŸr waren Austausch und Selektion der Bevšlkerung. Es gehšrte zum beruflichen SelbstverstŠndnis der Planer, da§ sie auf die in diesen ÈRŠumenÇ lebenden Menschen und ihre tradierten Lebensweisen keine RŸcksicht nahmen: In den meisten OrdnungsentwŸrfen kamen Menschen kaum noch vor. Der Reichskommissar fŸr die Festigung deutschen Volkstums kombinierte exekutive Siedlungs- und Strukturpolitik mit modernster wissenschaftlicher Raumplanung. Er arbeitete dabei eng mit der Vierjahresplanbehšrde zusammen, insbesondere mit deren Ableger, der Haupttreuhandstelle 0st. So harmlos der Begriff ÈRaumordnungÇ zunŠchst klingen mag, so ist er doch Programm: ÈRaumÇ und ÈOrdnungÇ, zwei Lieblingsbegriffe der Nazis, kŸndigen bereits den rigiden Zugriff an und machen daraus gleichzeitig eine wissenschaftliche Vorgehensweise: LŠnder, aufgesplittert in ÈGebieteÇ, Kontinente, untergliedert in ÈRŠumeÇ, wurden zunŠchst auf dem Rei§brett und auf der Grundlage statistischer Zahlenkolonnen neu ÈgeordnetÇ. Wissenschaftler bestimmten, wo die politischen Machtmittel am einfachsten und wirkungsvollsten einzusetzen waren.

Die ÈNeuordnungÇ setzte zunŠchst ein Minimum an Bewegungsspielraum voraus, um die historisch festgefŸgten Strukturen Ÿberhaupt in kurzer Zeit und nach genau festgelegten Kriterien verŠndern zu kšnnen, um Verkehrswege und StŠdte neu zu planen und soziale MobilitŠt nicht durch wirtschaftliche Not zu erzwingen, sondern durch prŠventive strukturelle Veranderungen. Dazu forderten die Bevšlkerungs- und Wirtschaftsplaner, deren Institutionen durch den RKF eng mit dem gesamten Repressionsapparat von SS und Polizei verbunden waren, im annektierten Westpolen die kurzfristige Vertreibung eines Teils der polnischen und die der gesamten jŸdischen Bevšlkerung in das Generalgouvernement.

Dort arbeiteten nun ebenfalls Experten, die denselben wissenschaftlichen Schulen entstammten, Ÿber sehr Šhnliche Erfahrungen verfŸgten und im Prinzip dieselben Ziele verfolgten, bereits seit dem FrŸhjahr 1940 am Aufbau einer neuen Wirtschaftsstruktur. Sie wollten das Generalgouvernement zum produktiven ÈNebenland des ReichesÇ machen. Sie taten das unter dem Schutzschild der Vierjahresplanbehšrde in explizitem Gegensatz zu den Vorstellungen und Weisungen Hitlers. Der hatte nŠmlich arn 17. Oktober 1939 verlangt: ÈDie Verwaltung hat nicht die Aufgabe, aus Polen eine Musterprovinz oder einen Musterstaat nach deutscher Ordnung zu schaffen oder das Land wirtschaftlich und finanziell zu sanieren. (. . .) Alle AnsŠtze einer Konsolidierung der VerhŠltnisse in Polen mŸssen beseitigt werden. Die Èpolnische WirtschaftÇ (gemeint ist ÈMi§wirtschaftÇ, d.V.) mu§ ermšglichen, auch das Reichsgebiet von Juden und Polacken zu reinigen.Ç

Diese Position Hitlers gab dem RKF im annektierten Westpolen RŸckendeckung fŸr seine Umsiedlungsbestrebungen. Die Regierung Frank in Krakau begnŸgte sich aber seit Januar 1940 nicht mehr mit der ihr zugedachten Rolle. Das Besondere ihres ÈAufbaumodellsÇ fŸr das Generalgouvernement war nicht das Modell selbst - es entsprach irn wesent!ichen dem Vorgehen in …sterreich und im annektierten Westpolen -, sondern die Region, fŸr die es entworfen wurde, nŠmlich fŸr ÈRestpolenÇ - das Generalgouvernement -, ein armes und arrn gemachtes Land. UrsprŸnglich sollte dieser ÈRaumÇ, wie gesagt, die zur ÈAussiedlungÇ vorgesehenen Menschen des Ÿbrigen deutschen Herrschaftsbereichs aufnehrnen. Nun aber handelte die Besatzungsregierung genau entgegengesetzt: Sie forderte ihrerseits die ÈAbschiebungÇ von ÈBevšlkerungsŸberschŸssenÇ, und zwar in einer bis dahin im deutschen Herrschaftsbereich nicht gekannten Grš§enordnung von vielen Millionen Menschen.

Die Deutschen sorgten selbst dafŸr, da§ die sozialen Konflikte, die sie schon lange vor der Besetzung als ÈBevšlkerungsfrageÇ definiert hatten, sich verschŠrften: der militŠrische †berfall, Annexion, Vertreibung und schlie§lich die Rationalisierung trugen dazu bei. Dieselben Fachleute, deren VorschlŠge und Ma§nahmen die Situation so zuspitzten, fŸhrten die Folgen ihrer Politik dann als Èobjektive ErfordernisseÇ ins Feld, um eine schnelle und endgŸltige ÈBereinigung derJudenfrageÇ zu erzwingen, um so in einem ersten Schritt die ÈBevšlkerungsfrageÇ generell zu ÈlšsenÇ. Im Oktober 1940 - also genau zu der Zeit, als Hans Frank Hider davon zu Ÿberzeugen versuchte, da§ weitere Umsiedlungen verhindert werden mŸ§ten - veršffentlichte Peter Heinz Seraphim in der Vierteljahresschrift des Instituts fŸr Deutsche Ostarbeit den Text, der Frank als Argumentationsgrundlage in seiner Unterredung mit Hitler gedient haben mag:

Dort hei§t es, das Generalgouvernement habe Èim Laufe des letzten JahresÇ gegen 350000 Juden aus den ins Reich rŸckgegliederten Gebieten ŸbernommenÇ. In das Èan sich schon judenŸbersŠttigte Gebiet (...) sind damit neue jŸdische Bevšl kerungselemente eingestršmt, die, (...) fast durchweg keine Subsistenzmittel besitzen und in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht eine schwere Belastung fŸr das Generalgouvemement bedeuten. Damit ist dieJudenfrage (. . .) zu einem bevšlkerungspolitischen Massenproblem erster Ordnung geworden. Sie tritt neben den bevšlkerungspolitisch so schwierigen Fragenkreis der landwirtschaftlichen †berbevšlkerung dieses Gebietes und drŠngt auf die Dauer gesehen nach einer Lšsung. Diese Menge von Juden, die heute zum gro§en Teil ohne produktive BeschŠftigung und ohne eigene Subsistenzmittel die StŠdte blockieren und damit nicht nur ihre gesunde Entwicklung hemmen, sondern auch die Lšsung oder Auflockerung des agrarischen †berbevšlkerungsproblems hindern, ist eine schwere, die Entwicklung hemmende Belastung des Generalgouvernements. Daraus ergibt sich ein Fernziel der bevšlkerungsmŠ§igen Bereinigung dieses Raumes, das hier nur angedeutet zu werden braucht. Bis es in Angriff genommen werden kann, ist aber jede weitere VerschŠrfung der strukturellen bevšlkerungsmŠ§igen und wirtschaftlichen Spannungen des Generalgouvemements zu vermeiden und eine Unterbindung weiterer Zustršme jŸdischen Bevšlkerungselements in den Raum des Generalgouvernements notwendig.Ç

Seraphim formuliert hier nichts anderes als den Konsens in bevšlkerungspolitischen Fragen, der sich im SpŠtherbst 1940 zwischen Krakau, Kattowitz und Berlin formiert hatte. Seine Argumente decken sich mit denen von Gater, Emmerich, Arlt, Meyer, OberlŠnder, Streckenbach, KuchenbŠcker oder Gottong. Seraphim forderte zweierlei: zum einen, da§ die Umsiedlungen aus dem annektierten Westpolen und aus dem Deutschen Reich sofort eingestellt werden sollten, zum anderen, da§ das Generalgouvernement selbst ÈbevšlkerungsmŠ§ig bereinigtÇ werden mŸsse, um es wirtschaftlich zu entwickeln. Wie die anderen Autoren auch, verband er die antijŸdische Politik mit dem Konzept, das Problem der landwirtschaftlichen †berbevšlkerung zu lšsen, um so die ÈunterbeschŠftigtenÇ lŠndlichen Massen in die StŠdte zu ÈsaugenÇ.

Als Seraphims Aufsatz veršffentlicht wurde, waren die Projekte fŸr die sogenannte Èterritoriale Lšsung der JudenfrageÇ unter den Stichwšrtern ÈLublinÇ oder ÈMadagaskarÇ bereits gescheitert. Allerdings hatte das Madagaskarprojekt die weitere Ausgrenzung der jŸdischen Bevšlkerung massiv gefšrdert, die Perspektiven einer schnellen ÈLšsungÇ eršffnet. Es hatte die Aussiedlung einer europŠischen Minderheit mit dem Eroberungsplan fŸr einen Èwirtschaftlichen ErgŠnzungsraumÇ - zunŠchst das ÈKolonialreich MittelafrikaÇ - verbunden. Und es hatte die institutionelle Verbindung zwischen der ÈAktion T4Ç, also denjenigen, die erste Erfahrungen mit dem industrialisierten Mord ÈnutzloserÇ und ÈunerwŸnschterÇ Menschen sammelten, und denen hergestellt, die sich die ÈBereinigung der JudenfrageÇ zum Ziel setzten: Der erste nationalsozialistische Massenmord, der die Tštung eines ganzen, vorher genau definierten Kollektivs von Menschen zum Ziel hatte, die ÈAktion T4Ç, steht mit der spŠteren Ermordung des europŠischenJudentums in vielfachem institutionellen und personellen Zusammenhang - wichtig daran ist jedoch vor allem eines: Die Erfahrung, da§ alle Ebenen der deutschen Verwaltung und das deutsche Volk insgesamt bereit waren, ein solches Vorgehen zu akzeptieren; ein gelegentliches Sich-StrŠuben, Widerstand blieben so gering, da§ die staatliche Politik des Massenmords an Menschen, die zuvor auf unterschiedliche Weise marginalisiert worden waren, machbar geworden war. Die Bedeutung der ÈAktion T4Ç als VorlŠufer der Gaskarnmern von Bezec oder Auschwitz liegt nicht so sehr in der Entwicklung bestimmter Tarnungs- und Tštungstechniken, sondern im unbestreitbaren politischen Erfolg, im offenen und stillschweigenden Akzeptieren des Mordes an marginalisierten, wehrlosen Menschen durch die Ÿbergro§e Mehrheit aller Bevšlkerungsschichten des Herrenvolks. Da§ die StaatsfŸhrung daraus die Konsequenz zog, ihre Vernichtungspolitik im Vertrauen darauf, da§ die Deutschen eine solche Politik stillschweigend akzeptieren wŸrden, weiter voranzutreiben, kann kaum verwundern.

Es ist Šu§erst fragwŸrdig, das Wort ÈhŠtteÇ in die Geschichtsbetrachtung einzufŸhren: Aber wir sind der †berzeugung, da§ ein nicht einmal allzu breiter Protest gegen die ÈEuthanasieÇMorde im Jahre 1940 die Entwicklung der Strategie des systematischen Všlkermords im Jahre 1941 verhindert hŠtte. Nimmt man fŸr einen Augenblick Intoleranz und Fremdenha§, Antisemitismus, Habgier und DŸnkel als Ètypisch deutscheÇ Eigenschaften an, und unterstellt man, da§ sie durch die staatliche Politik ungeheuer verstŠrkt, aber eben doch nur verstŠrkt wurden, so bedeutete das noch lŠngst nicht dies eine: Zahllose deutsche Famiilien zeigten sich bereit, den Mord an ihren engsten Angehšrigen stillschweigend oder sogar zustimmend hinzunehmen, und indem sie das taten, schufen sie die herrschaftspsychologischen Voraussetzungen fŸr die Politik der Všlkermorde in den dann folgenden Jahren. Wenn schon bei dem Mord an den eigenen Verwandten nennenswerter Protest ausblieb, so war dieser gegen den Mord an Juden, ÈZigeunernÇ, Russen, ÈPolackenÇ erst recht nicht zu erwarten.

 

Das Konzept, nach dem im Generalgouvernement und in den eingegliederten Ostgebieten wirtschaftlicher Aufbau mit Umsiedlung kombiniert wurde, fŸhrte nach dem Scheitern des Madagaskarplans zu einem Patt, auf das Seraphim auch indirekt Bezug nahrn. In Wien, Lodz, Berlin, Prag, Paris und Amsterdam sahen es die deutschen FunktionŠre als notwendig an, die enteignete jŸdische Bevšlkerung, die ÈZigeunerÇ und generell das ÈunerwŸnschte VolkstumÇ ins Generalgouvernement zu deportieren. Aber gerade dort wurde seit dem FrŸhjahr 1940 der wirtschaftliche Aufbau so betrieben, da§ er die ÈAbschiebungÇ von mehreren Millionen Menschen zur Voraussetzung hatte.

Deutsche Experten erstellten Gutachten, Streitschriften und Statistiken, in denen die ÈSenkung der VolkszahlÇ, die Deportation eines Teils der Bevšlkerung gefordert oder einfach schon von ihr ausgegangen wurde. Sie verstanden das ÈAbschiebeterritoriumÇ lŠngst als Land, das sich im Aufbruch zu einem wohl organisierten, modern verwalteten, Gewinn und †berschŸsse produzierenden, dem Reich assoziierten Staat befand. Und bald forderten sie, ebendieses Land durch Sumpfgebiete zu erweitern, um einen auf mehrere Millionen hochgerechneten BevšlkerungsŸberschu§ dorthin abzuschieben. …konomen und Bevšlkerungsexperten im Generalgouvernement begnŸgten sich nicht damit, ihre Projekte nur theoretisch vorzubereiten. Sie hatten lŠngst Fakten geschaffen, noch bevor ihre Ideen allmŠhlich auch in Richtlinien und Erlassen ihren Niederschlag fanden und die offizielle Politik bestirnmten. Mit allen Mitteln versuchte die deutsche Besatzungsverwaltung im Generalgouvernement, ÈAbschiebungenÇ aus dem Reich zu verhindern, die sie bei ihrem Èdeutschen AufbauwerkÇ stšren kšnnten.

Im Sommer 1940 schienen diese BemŸhungen zwischenzeitlich erfolgreich zu sein: Die geplanten Massendeportationen jŸdischer Menschen nach Madagaskar wŸrden, so hofften die Bevšlkerungsplaner, das Generalgouvernement nicht nur vor weiteren Abschiebungen aus dem Reich und den eingegliederten Ostgebieten bewahren, sondern darŸber hinaus auch die MšgIichkeit bieten, die ÈeigeneÇ jŸdische Minderheit loszuwerden: Zehn Prozent der Bevšlkerung sollten also abgeschoben werden. DarŸber hinaus sollte der ÈBevšlkerungsdruckÇ im Generalgouvernement gemindert werden, indem man weitere 20 Prozent zur Zwangsarbeit deportierte. Vor dem Hintergrund des Madagaskarprojekts hatte Hitler Anfang Juli 1940 Frank versprochen, die Umsiedlungen ins Generalgouvernement zu verbieten. Schon drei Monate spŠter mu§te er jedoch aus militŠrischen GrŸnden von den KolonialplŠnen in Mittelafrika wieder Abstand nehmen und damit auch vom Madagaskarprojekt. Nun versuchte er, sein Versprechen zu relativieren: Hans Frank war anwesend, als Hitler Baldur von Schirach in Wien zunŠchst vage, doch nach ein paar Wochen konkret, zusicherte, da§ er die Wiener JŸdinnen und Juden aus akuter Wohnraumnot ins Generalgouvernement abschieben dŸrfe. In den beiden darauffolgenden Monaten machte Hitler dem Generalgouvemeur au§erdem erneut - und in explizitem Gegensatz zu den deutschen Bevšlkerungsexperten in Krakau - klar, da§ auch Èdie Poleneinsiedlung in das Generalgouvernement in seiner Politik liege und da§ die zur DurchfŸhrung dieser Einsiedlung notwendigen Ma§nahmen noch wŠhrend des Krieges ergnffen werden mŸssenÇ. Damit war genau die alte Pattsituation vom MŠrz/April/Mai 1940 wiederhergestellt: Die PlŠne fŸr den Wirtschaftsaufbau im Generalgouvernement widersprachen seiner Funktion als Abschiebeterritorium. Wieder sahen sich die in Krakau mit ehrgeizigen Zukunftsvisionen beschŠftigten Experten vor einem bereits Ÿberwunden geglaubten Problem, dem ÈZustrom von Hunderttausenden verarmter Menschen. Ihre Forderung, den ÈBevšlkerungsdruckÇ zu beseitigen oder wenigstens erheblich zu vermindem, wurde damit wieder virulent, ohne da§ sie zu diesem Zeitpunkt selbst einen konkreten Vorschlag dazu machten. Sie verlangten nach ÈEntlastungÇ und ÈLšsungÇ. Im Winter mu§te Frank noch einmal nachgeben: Nach einer Intervention bei Hitler konnte der Reichskommissar fŸr die Festigung deutschen Volkstums im Januar 1941 die Genehmigung fŸr die geplante Zwangsumsiedlung von 831 000 Menschen aus den eingegliederten Ostgebieten in das Generalgouvernement durchsetzen. Die PlŠne dazu formulierte neben anderen ein Mann wie Fritz Arlt, der noch Monate zuvor nachdrŸcklich gefordert hatte, das Generalgouvernement von der †berbevšlkerung zu ÈentlastenÇ. Auch Himmler und Hitler war die ÈBevšlkerungsfrageÇ im Generalgouvernement zumindest bekannt. Himmler hatte bereits im Januar 1940 Ÿber die Menschen im Generalgouvernement gesagt: ÈSie sitzen sowieso alle so dick aufeinander.Ç Er wŠre ÈseligÇ, wenn die Russen Èeine halbe Million von ihnen nehmenÇ wŸrden. Hitler erklŠrte im MŠrz 1940, da§ ihn die ÈRaumnotÇ daran hindere, das Projekt eines ÈJudenreservats LublinÇ zu realisieren. Dieses Projekt kšnne Ènie eine Lšsung bedeuten, da auch dort dieJuden zu eng aufeinander wohntenÇ: Ȇberall dort, wo die Menschen Ÿber 70 pro qkm aneinanderwohnten, sei das Leben schwer und beengt, und die Weltkrise, vor der wir heute stŸnden, sei beding durch den Drang der Všlker, sich aus den Ÿbervšlkerten RŠumen in die volksleeren RŠume zu ergie§en.Ç

Schon zwei Monate nach diesem kurzzeitigen Umschwenken im Winter 1940/41 kippte die Situation erneut. Die ersten 5000 Wiener JŸdinnen und Juden - die meisten von ihnen ȟber 60 Jahre alte, sieche MenschenÇ - waren zwischen dem 15. Februar und dem 11. MŠrz in die Region Lublin deportiert worden. Nun intervenierte Frank erneut bei Hitler. Am 16. MŠrz 1941, vor dem Hintergrund der weit fortgeschrittenen Planungen der ÈOstraumlšsungÇ, also des Kriegs gegen die Sowjetunion und der damit zusammenhŠngenden Expansion des deutschen ÈSiedlungsraumsÇ versprach der ihm denn auch, da§ das Generalgouvernement Èim Laufe von 15 bis 20 Jahren ein rein deutsches LandÇ werde. Dies bedeutete perspektivisch, das Generalgouvernement den gleichen Prinzipien von Raumordnung und Bevšlkerungsselektion zu unterwerfen wie die eingegliederten Ostgebiete. Das Generalgouvernement, bis dahin Peripherie, wurde nun selbst Teil des Zentrums, ÈTransitlandÇ, wie die …konomen sagten. Die Evakuierung aller als ŸberflŸssig angesehenen Menschen an die neue Peripherie im ÈOstenÇ, also in die ÈSŸrnpfeÇ zum ÈEismeerÇ oder nach Sibirien, ergab sich in dieser Logik gewisserma§en von selbst.

Damit hatte Hitler das Programm Èdeutsches Aufbauwerk im GeneralgouvernementÇ nach langen Schwankungen schlie§lich inhaltlich akzeptiert und die Option ÈTrŸmmerhaufen/AbschiebeterritoriumÇ endgŸltig fallengelassen. VerbŸrgt ist seine €u§erung gegenŸber dem Chef des OKW, Wilhelm Keitel, aus dem Jahr 1943: ÈNatŸrlich, es ist ganz klar. Die Herren sagen: Im Generalgouvernement ist keine Wirtschaftsordnung. Wie soll in einem Land eine Wirtschaftsordnung sein, wo 120 Menschen auf dem qkrn sind (. . .), wo jeder Dreck vom Reich hineingeschickt wird und alles, was gut ist, herausgeholt wird.Ç Am 16. MŠrz 1941 hatte Hans Frank Hitlers Zusage erhalten, das Generalgouvernement im Laufe von 15 bis 20Jahren genauso zu germanisieren und škonomisch umzugestalten wie die eingegliederten Ostgebiete. Kurz darauf - aller Wahrscheinlichkeit nach am 22. MŠrz - legte sein Wirtschaftsminister Emmerich ihm das Gutachten Gaters Ÿber das Warschauer Ghetto vor und teilte ihm mit, da§ allein fŸr dieses Ghetto ein Zuschu§ von 55 Millionen Reichsmark pro Jahr erforderlich sei, wenn man die dort eingeschlossenen Menschen auch nur kŸmmerlich am Leben erhalten wolle. Von diesem Tag an drang die Verwaltung des Generalgouvernements immer entschiedener auf die ÈEndlšsung der JudenfrageÇ. Schon im Zusammenhang mit dem Madagaskarplan hatten die deutschen Behšrden irn Generalgouvernement fŸr sich eine solche PrioritŠt angemahnt. Sie gipfelte bei der Wannseekonferenz in der berŸhrnten Bitte BŸhlers an Heydrich, mit dem Massenmord mšglichst im Generalgouvernement zu beginnen, weil ÈarbeitseinsatzmŠ§ige GrŸnde den Lauf der Aktion nicht behindern wŸrdenÇ und ȟberdies die Mehrzahl der Falle arbeitsunfŠhigÇ sei.

Das Hin und Her von Deportationen und Deportationsstopps, die Streitigkeiten zwischen Frank einerseits und den Gauleitern der eingegliederten Ostgebiete und Wiens andererseits zeigen, da§ auf der obersten FŸhrungsetage des nationalsozialistischen Staats in der Frage der millionenfachen Zwangsumsiedlung keineswegs Einigkeit herrschte. Unsicherheiten und wenig tragfŠhige Kompromisse waren an der Tagesordnung. Auf der Ebene der Fachleute dagegen - egal ob es sich um …konomen im Generalgouvemement oder um Experten fŸr Bevšlkerungspolitik in den eingegliederten Ostgebieten handelte - lagen klare Konzepte vor. Sie waren inhaltlich und zeitlich genau festgelegt, in kurz-, mittel- und langfristige Zielsetzungen aufgegliedert. Die PlŠne fŸr die beiden deutsch besetzten Teile Polens glichen einander so sehr, da§ sie sich zwischen MŠrz 1940 und MŠrz 1941 gegenseitig blockierten. Hitler griff in diesen Konflikt nicht mit einer klaren politischen Entscheidung ein. Er lavierte - ein Verhalten, das Macht und Einflu§ der Expertokratie steigerte und sie ermutigte, Fakten zu schaffen und immer weiterreichende ÈLšsungenÇ ins GesprŠch zu bringen.

Die in den vorangegangenen Abschnitten beschriebenen PlŠne der Deutschen, wie rnit dem besetzten Polen zu verfahren sei, fanden in Chemno, Treblinka und Auschwitz ihre grausame ErfŸllung. In ihren Grundgedanken knŸpften sie aber an †berlegungen an, die, wie geschildert, vor dem Krieg Teil einer umfassenden internationalen Diskussion waren: Der ÈBevšlkerungsaustauschÇ galt nicht nur in Deutschland als ein probates Mittel moderner Strukturpolitik, die ÈLšsung des †berbevšlkerungsproblemsÇ als selbstverstŠndliche Voraussetzung, um mangelnde ProduktivitŠt schneller beheben und fehlendes Kapital abschšpfen zu kšnnen.

Liest man den Vortrag, den der Direktor des Warschauer Instituts fŸr Konjunktur- und Preisforschung, Edward Lipinski, 1935 in Kiel zum Thema Industrialisierung, †berbevšlkerung und Auswanderung hielt, wird klar, da§ ein Mann wie Meinhold zu einem Teil lediglich abschrieb, was andere vor ihm analysiert und berechnet hatten. Es ist nur folgerichtig, da§ Meinhold 1941 Lipinski zur Kollaboration gewinnen wollte und ihm eine Stelle als Wissenschaftler im Institut fŸr Deutsche Ostarbeit anbot. Der aber lehnte ab - aus gutem Grund. Zwischen seinem wissenschaftlichen Vorgehen und dem Meinholds bestand ein grundlegender Unterschied. Wo Lipinski eine Politik empfahl, die die Auswanderung fšrdern sollte, sprach Meinhold von der ÈNotwendigkeit der UmsiedlungÇ, wo der eine langfristige Auslandskredite forderte, um die Industrie aufzubauen und ArbeitsplŠtze zu schaffen, verlangte der andere als ersten Schritt, Èdie ŸberschŸssige Bevšlkerung abzusaugenÇ, wo Lipinski von einer ungŸnstigen Struktur des Handels sprach, begrŸ§te und forderte Meinhold die ÈAusschaltung derJudenÇ. WŠhrend die VorschlŠge des einen sich an BŸrokratie, Mehrparteiensystem und politischem Streit brachen, war der andere wissenschaftlicher Zuarbeiter einer Exekutive, die zu fast jedem Verbrechen bereit war, die den Vorschlag eines Referenten im Handumdrehen als Erla§ veršffentlichte.

 

Was war das Charakteristische an dieser deutschen Expertokratie? In vielem unterschieden sich die jungen deutschen Experten nicht von ihren Kollegen in anderen LŠndern und zu anderen Zeiten: Sie wŸnschten sich eine gesicherte Finanzierung ihrer Forschungsvorhaben, Privilegien und eine mšglichst konsequente Umsetzung ihrer theoretischen Ergebnisse in die gesellschaftliche Praxis. Sie verstanden sich als Fachleute, die keine parteigebundene Auftragsforschung machen, sondern ihre Kompetenz in das Projekt einer umfassenden gesellschaftlichen Modernisierung einbringen wollten. Doch sind die Karrieren dieser jungen Akademiker von besonderen historischen UmstŠnden geprŠgt, die ihren sozialen Aufstieg, vor allem aber ihren in relativ kurzer Zeit enorm wachsenden politischen Einflu§ fšrderten.

In den Jahren 1931/1932, denJahren der Krise und der Stagnation, hatten die damals 25- bis 30jŠhrigen wenig Chancen, in ihrem Beruf zu arbeiten, geschweige denn Karriere zu machen. Das Šnderte sich 1933 schnell. Die Vertreibung jŸdischer und sozialistischer oder auch der Zentrumspartei angehšrender Beamter und Intellektueller schuf zunŠchst einmal neue berufliche Mšglichkeiten fŸr den opportunistischen oder sich als unpolitisch verstehenden Nachwuchs. Diese ÈSŠuberungenÇ bedeuteten fŸr die neuen Aufsteiger eine Partizipation an Unrecht und Verbrechen. Diese UmstŠnde begrŸndeten ihre LoyalitŠt gegenŸber dem System, das ihnen auf diese Weise neue berufliche Perspektiven eršffnet hatte. Die Chancen fŸr weiteren Aufstieg und Entfaltung des fachlichen Einflusses wuchsen in den folgenden Jahren mit dem innenpolitischen Vordringen des Staats in immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und mit jedem Expansionsschritt nach au§en. Die nationalsozialistische Ideologie war den meisten dieser jungen aufstiegsorientierten Experten nicht etwa Glaubensbekenntnis. Sie bot ihnen lediglich ein Maximum an Handlungsfreiheit. ZunŠchst war diese Ideologie inhaltlich noch wenig konturiert und enthiek damit auch die Chance, sie von innen her auszufŸllen und zu formen. Die Planer verstanden es, ihre Ideen und die Ergebnisse ihrer Forschung so zu formulieren, da§ sie die NS-Ideologie bereicherten und verŠnderten. Vage ideologische Forderungen wurden auf diese Weise zu Handlungsmaximen und dann in ÈmachbareÇ Programme umgesetzt. Die Vorstellung, da§ diese junge deutsche Intelligenz sich die nationalsozialistischen Dogmen einfach zu eigen gemacht und ihr Denken und Handeln daran ausgerichtet hŠtte, ist vermutlich genauso falsch wie die kollektive spŠtere Ausrede der Beteiligten, sie hŠtten nur notgedrungen und aus GrŸnden der Tarnung das Vokabular Ÿbernommen, nicht aber das Gedankengut. So schwŸlstig und anachronistisch die NS-Ideologie schien, so wenig war sie doch ein Hindernis fŸr die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Im Gegenteil. Die Bevšlkerungspolitik, die an den Kriterien rationeller škonomischer und sozialer Umstrukturierung ausgerichtet war, stand nicht im Widerspruch zu dem Ÿblichen Reden von der ÈBereinigung der VolkstumsgrenzenÇ oder der ÈEroberung von Lebensraum im OstenÇ. Erst durch die Verbindung der Ideologie mit der RationalitŠt der modernen Wissenschaft wurden aus vagen Programmpunkten realisierbare, konkrete Projekte. Kategorien wie ÈRasseÇ, ÈBlutÇ und ÈBodenÇ fŸllten Sozialwissenschaftler, …konomen und Agrarfachleute allmŠhlich mit neuem Inhalt. Vollwertige Deutsche zeichneten sich demnach nicht mehr primŠr durch bestimmte €u§erlichkeiten aus, sondern durch LeistungsfŠhigkeit und Anpassungsbereitschaft. Dahinter stand das Ideal einer Zwei-Drittel-Gesellschaft mit hoher sozialer MobilitŠt. Die LeistungsfŠhigen sollten durch die alten Klassengrenzen nicht lŠnger am Aufstieg gehindert, das Èunbrauchbare DrittelÇ dagegen ausgegrenzt werden. Diese Politik erweiterte den sozialpolitischen Spielraum durch Umverteilung - Diskrirninierung und Enteignung von Minderheiten gereichten der Mehrheit zum Vorteil.

Bei der Neuordnung von Wirtschaft und Gesellschaft im besetzten Polen haben Rassismus und Modernisierung einander nicht blockiert, sondern ergŠnzt. Das Ergebnis war, da§ die Umsiedlungsvorhaben, Zwangsarbeiterdeportationen und VernichtungsplŠne nur ein um so grš§eres Ausma§ annahmen. Die deutschen Intellektuellen im besetzten Polen bestŠrkten sich gegenseitig in ihrer Herrenmenschenarroganz. Sie lebten und arbeiteten in dem Bewu§tsein, einer Elite anzugehšren, der Aufgaben von wekhistorischer Bedeutung anvertraut waren. Eine Aufgabe, von der sie immer wieder betonten, da§ sie sie schnell und endgŸltig ÈfŸr kommende GenerationenÇ bewŠltigen wollten. Das GefŸhl, gemeinsam auf vorgeschobenem Posten zu stehen, mit Ÿberkommenen und hinderlichen Strukturen fŸr immer aufzurŠumen und die AtmosphŠre der ÈNur-fŸr-Deutsche-KulturÇ mšgen zwischen Wissenschaft und Politik noch vertieft haben. Wenn es darum ging, die Kollaborationsbereitschaft zu fšrdern, wu§ten die neuen Herren in ihrem rassistischen DŸnkel gegenŸber der einheimischen Bevšlkerung zwar noch sehr genau zwischen den unterschiedlichen Kategorien Èminderwertigen VolkstumsÇ zu differenzieren. DarŸber hinaus jedoch hat dieser DŸnkel ihren Machbarkeitswahn gefšrdert und jeden Rest von RŸcksichtnahme auf die vorgefundenen VerhŠltnisse getilgt.

Die Berechnungen des RKW oder des Instituts fŸr Deutsche IOstarbeit hatten mit der RealitŠt polnischer Dšrfer oft wenig zu tun. Die PlŠne scheiterten zum Teil am Widerstand der polnischen Bevšlkerung. Auch Konkurrenz und Intrigen innerhalb des Besatzungsapparats trugen nicht eben zu ihrer effizienten Umsetzung bei. Die Vernichtung der polnischen JŸdinnen und Juden aber scheiterte nicht, sie gehšrte zum Minimalkonsens. Leute wie Meinhold, Gater, KuchenbŠcker, Seraphim, OberlŠnder, Bochdam-Lšptien, Nonnenmacher, Emmerich oder Arlt , lieferten eine volkswirtschaftlich und bevšlkerungssoziologisch ÈsinnvolleÇ BegrŸndung fŸr den Massenmord in Polen. Schon in den Jahren zuvor hatten sie auf der ÈAbschiebungÇ der jŸdischen Minderheit insistiert und sie als ersten wichtigen Schritt in ihre Konzeptionen eingeplant.

Man kšnnte einwenden, da§ hier Opportunisten die bereits andernorts beschlossene Vernichtungspolitik fŸr die eigenen Ziele und Projekte lediglich ausgenutzt und die Ermordung von Minderheiten im nachhinein als škonomische Notwendigkeit legitimiert hŠtten. Dem steht entgegen, da§ die Planer selbst das Patt in der Aussiedlungspolitik erst erzeugt haben, wohlwissend, da§ es nach ihren eigenen Analysen im Prinzip keinen Raum mehr gab, in den man irgendein ÈVolkstumÇ einfach hŠtte ÈabdrŠngenÇ kšnnen. Sie eilten den Entscheidungen der FŸhrungsspitze voraus und prŠformierten spŠtere ÈFŸhrerbefehleÇ.

Der Widerspruch zwischen Aufbaukonzepten und Berechnungen der ȆberbevšlkerungÇ stand nicht nur fŸr das besetzte Polen auf der Tagesordnung, sondern, wie die nŠchsten Kapitel zeigen werden, auch fŸr die besetzten Teile der Sowjetunion und fŸr SŸdosteuropa. Die Forderungen der Bevšlkerungsfachleute, die von ihnen marginalisierten Menschen nun auch ganz ÈverschwindenÇ zu lassen, existierten bereits, wie wir gezeig haben und noch vielfach zeigen werden, bevor die Entscheidung Ÿber die ÈEndlšsungÇ getroffen wurde. Und Rudolf Gater hielt die Ghettoisierung schon Anfang MŠrz 1941 fŸr eine Mšglichkeit zur ÈLiquidierung des JudentumsÇ. Um šffentliche ZuschŸsse fŸr die vollstŠndig enteignete jŸdische Minderheit zu vermeiden, schlug Gater als eine mšgliche Variante vor: ÈMan lŠ§t Unterversorgung eintreten ohne RŸcksicht auf die sich ergebenden Folgen.Ç Auch wenn die weiterreichenden Programme fŸr eine wirtschaftliche Umstrukturierung und langfristige Herrschaftssicherung nicht umgesetzt werden konnten, weil der Krieg anders verlief als von ihnen erwartet, so ist das, was den Wirtschaftsexperten als Basis fŸr den von ihnen anvisierten škonomischen Aufschwung galt, weitgehend verwirklicht worden: die Vernichtung von Millionen Menschen. Allerdings, so stellten dieselben Experten in den Jahren 1942/43 fest, in Ènicht ausreichendem Ma§Ç. Und wenn sie nach der Niederlage von Stalingrad gelegentlich empfahlen, die nichtjŸdische Bevšlkerung Polens und der Ukraine etwas weniger zu terrorisieren, dann bedeutete dies nur, da§ sie das Prinzip Èteile, herrsche und vernichteÇ in einer kritischen militŠrischen Situation differenzierter angewandt wissen wollten. Aus ihrem prinzipiellen EinverstŠndnis mit der Ermordung der gro§en jŸdischen Minderheit machten sie aber auch zu diesem Zeitpunkt kein Hehl. Die Kombination aus Entwicklungs-, Kolonial- und ÈAussiedlungsÇpolitik war wohl das, was Meinhold als Èbesonders wichtige ForschungsaufgabeÇ der Sektion Wirtschaft am Institut fŸr Deutsche Ostarbeit bezeichnete, nŠmlich Èdie Schaffung einer besonderen theoretischen Nationalškonomie des GeneralgouvernementsÇ . Die neue Theorie stand in engem Zusammenhang mit der deutschen Expanslons- und Raubpolitik jener Jahre, deren Aufgaben Emmerich und Meinhold gemeinsam so formulierten: ÈDie deutsche Wirtschaftswissenschaft ist durch die politischen Ereignisse der letzten Jahre vor Aufgaben gestellt worden, die nicht nur wissenschaftliches Neuland darstellen, sondern auch diesem Wissenschaftszweig eine einmalige Gelegenheit geben, am Aufbau des neuen kontinentalen Gro§raums teilzuhaben und sich damit als echte politische Wissenschaft zu bewŠhren. Auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens, sei es der WŠhrungs- und Au§enhandelspolitik, sei es der Agrar- und Gewerbepolitik, bringt die politische Neuordnung des europŠischen Raums das Erfordernis einer gro§zŸgigen Planung mit sich, bei der es hŠufig notwendig wird, sich grundsŠtzlich von den wirtschaftlichen Vorstellungen auch der jŸngsten Zeit zu lšsen. An dieser Mahnung hat die Wirtschaftswissenschaft dadurch teilzunehmen, da§ sie bei der Bereitstellung und systematischen Ordnung der Unterlagen, die die politische FŸhrung benštigt, mitwirkt und da§ sie der FŸhrung auch bei der Erarbeitung der Planungsgrundlinien Hilfestellung leistet.Ç Das neue an dieser Art von Nationalškonomie war die †bernahme bevšlkerungstheoretischer †berlegungen in die praktische Wirtschaftspolitik, wie sie Meinhold auch fŸr die Industrialisierung und die Erweiterung des Generalgouvernements nach Osten gefordert hatte.

Meinhold formulierte diese Theorie auch šffentlich, allerdings erst nach dem 8. Mai 1945: Wenige Monate nach der deutschen Niederlage erstellte Helmut Meinhold bereits wieder Wirtschaftsgutachten. Diesmal schrieb er im Auftrag der britischen MilitŠrregierung Ÿber den industriellen Wiederaufbau Gro§-Hamburgs. Er analysierte in diesem Gutachten auch die Chancen, die die ungeheure Zerstšrung eršffnete. Meinhold sah nun auch in Deutschland Èpolnische VerhŠltnisseÇ: starke †berbevšlkerung durch die FlŸchtlinge, zerstšrte Produktionsanlagen und Kapitalmangel. Der Menschenverschlei§ des Kriegs hatte aus seiner Perspektive nicht mit dem Kapitalverschlei§ Schritt gehalten, jedenfalls nicht fŸr die Deutschen. In Deutschland lebten demnach 1945 zu viele Menschen, als da§ mit dem noch verbleibenden Kapital die Arbeitsktaft aller optimal hŠtte genutzt werden kšnnen.

FŸr Meinhold gab es zwei Wege aus diesem Dilemma: entweder die ÈKredithergabeÇ - wie sie spŠter im Rahmen des Marshallplans auch gewŠhrt wurde - oder aber die Lieferung von Produktionsanlagen aus dem Ausland gegen Agrarexporte aus dem hungernden Deutschland. In der zweiten Variante spekulierte Meinhold also mit dem Hunger der Bevšlkerung, um das škonomische Gleichgewicht herzustellen. Diesen Weg war die deutsche Wirtschaftsverwaltung im Generalgouvernement gegangen. Und er erschien Meinhold im Sommer 1945 immer noch diskutabel. Er schrieb, insgeheim rŸckblickend: ÈAlso mŸ§te ein Teil der Bevšlkerung verhungern oder doch an Mangelkrankheiten zugrunde gehen.ÇIn dieser Mangelsituation wŸrde, wenn keine Kredite gegeben werden, entweder das Kapital bis auf den letzten Rest fŸr die Deckung des Existenzminimums verbraucht werden, oder aber es wŸrden Menschen zugunsten der Kapitalbildung Èzugrunde gehenÇ: ÈDeutschland kann es sich selbst um der Arbeitsbeschaffung willen nicht erlauben, materialverbrauchende Arbeiten, die das Aufkommen an unbedingt existenzwichtigen Stoffen verringern, durchzufŸhren.Ç Das bedeute, da§ auch die notwendigste Arbeit, selbst wenn sie Èfast kein Material verbrauchtÇ, wie etwa das AufrŠumen zerstšrter StŠdte, Èkonsequenterweise unterbleiben mŸ§teÇ. Meinhold mag dabei die Kolonnen jŸdischer Zwangsarbeiterirmen und -arbeiter vor Augen gehabt haben, die 1940, 1941 und 1942, ausgerŸstet bestenfalls mit einer Schaufel und Èfast kein Material verbrauchendÇ, solche Notstandsarbeiten ausfŸhrten - bis sie schlie§lich ermordet wurden. Solche Arbeiten konnte sich aber im škonomischen KalkŸl eines Helmut Meinhold ÈDeutschland nicht erlaubenÇ.

In diesem Verwertungsdenken bedeutet Arbeit, die keine †berschŸsse produziert, sondern nur dazu dient, Menschen am Leben zu erhalten, fortlaufende Kapitalvernichtung, weil das investierte Kapital eben nur bei einem effizienten Einsatz von ArbeitskrŠften amortisiert werden kann. Diese Amortisation war im besetzten Polen durch Notstands- und einfache Massenarbeiten weder innerhalb noch au§erhalb der Ghettos zu erreichen. Und so konnte Meinhold konsequent feststellen, da§ sich Èdie †bervšlkerung als effektiver Kapitalverschlei§Ç erweise. Dreht man den Gedankengang um, dann bedeutet die Ermordung der Menschen, fŸr die keine mehrwertschaffenden ArbeitsplŠtze vorhanden sind, eine Form von indirekter Kapitalamortisation. Und wenn, wie im Krieg, kaum produktiv investiert wird, mindert der Mord den Kapitalverschlei§. In seiner Hamburg-Studie erlŠuterte Meinhold diese Theorie, die man ÈMassenmord als Faktor wirtschaftlichen AufbausÇ nennen kšnnte: ÈWir setzten bisher (und werden das auch im folgenden tun) die Absicht voraus, da§ die wirtschaftliche Zielsetzung im Augenblick sein mu§, lieber die ganze Bevšlkerung, wenn auch kŸmmerlich, zu erhalten, als den einen Teil besser zu versorgen, den anderen Teil umkommen zu lassen. Dann ist es also im obigen Sinne richtiger, von 100 Arbeitern nur 50 zu beschŠftigen, welche die anderen 50 bis zu dem Zeitpunkt, in dem sich die Lage wieder bessert, durchschleppen, als wenn 75 arbeiten und 25 verhungern. Voraussetzung dafŸr ist allerdings die Mšglichkeit einer spŠteren Besserung, die sogleich eršrtert werden soll.Man kšnnte natŸrlich auch einen anderen Ausgangspunkt wŠhlen, vor allem dann, wenn man an dieser Mšglichkeit zweifelt. Man kann nŠmlich sagen: Es ist besser, im Kampf ums Dasein bleiben die 75 sich bewŠhrenden am Leben, der Rest kommt sogleich um, als wenn im Endeffekt alle 100 zugrunde gehen. Ein solcher Standpunkt wŠre zu vertreten, wenn es sich wirklich um eine Auslese handelte.Ç

In Polen hatte ÈmanÇ diesen Èanderen AusgangspunktÇ gewŠhlt und eine entsprechende Auslese getroffen. Die Frage, warum die Deutschen denn die entrechtete und enteignete jŸdische Bevšlkerung nicht einfach Stra§en bauen lie§en, sondern sie - TransportkapazitŠten, Arbeit und Material verbrauchend tšteten, beantwortet sich im škonomisch-bevšlkerungspolitischen KalkŸl eines solchen Wissenschaftlers. Denn es ist in diesem Denken, das den Menschen nur unter dem Gesichtspunkt seiner škonomischen Verwertbarkeit wahrnimmt, všllig klar, da§ zu einer noch so kŸmmerlichen Lebenshaltung eines Menschen pro Jahr viele Tonnen Material und Lebensmittel erzeugt und transportiert werden mŸssen. All diese Materialien bringen keinerlei produktiven Nutzen, wenn damit Menschen ernŠhrt werden, die - aus welchem Grund auch immer - nicht oder nicht produktiv genug arbeiten. Sie ÈverzehrenÇ Kapital. Der Transport und die Tštung eines Menschen dagegen erfordern einen ungleich geringeren škonomischen Aufwand. Mit anderen Worten: Die durch den Krieg in der Sowjetunion ohnehin Ÿberbeanspruchte Ostbahn wurde mit jedem Tag, den das Warschauer Ghetto weiter bestand, stŠrker Ÿberlastet. Selbst bei absoluter Hungerpolitik war ein tŠglicher Warenumschlag von mehreren hundert Waggons zur Versorgung des Ghettos erforderlich, wŠhrend der Transport der Menschen in den Tod nur einen einmaligen und viel geringeren Transportaufwand erforderte.

In der heutigen Diskussion um die Ermordung der europŠischen Juden wird die Tatsache, da§ trotz der begrenzten TransportkapazitŠten im Krieg Millionen Menschen per Bahn in die Todeslager gefahren wurden, hŠufig als Indiz dafŸr gewertet, da§ der Vernichtungspolitik keinerlei rationale †berlegungen zugrunde lagen. Nur deswegen haben wir dieses Argument hier aufgegriffen. FŸr Meinhold, Gater, Emmerich und ihresgleichen war es nicht der Diskussion wert. Sie gingen davon aus, da§ die ÈAussiedlungÇ von Millionen von Menschen die Kapitalakkumulation ermšglichen und beschleunigen wŸrde. Das VerhŠltnis zwischen Arbeitskraft und pro Arbeitsplatz eingesetztem Kapital sollte sich deutlich und rasch zugunsten des Kapitals verŠndern. Ein ungeheurer, kurzfristiger Konzentrations- und Investitionsschub wŸrde so die ProduktivitŠt entscheidend steigern. Die Politik des Massenmords war unter diesem Gesichtspunkt nicht primŠr rassisch oder terroristisch begrŸndet, sondem ein Mittel, das der schnelleren Industrialisierung und Agrarrationalisierung des ÈSchwellenlandesÇ Generalgouvemement dienen sollte. Durch die gewaltsame ÈLšsungÇ des ȆberbevšlkerungsproblemsÇ - selbstverstŠndlich im Rahmen der rassistisch-antijŸdischen Vorgaben der NS-Ideologie - wurde der vermeintliche Circulus vitiosus zwischen Bevšlkerungswachstum und ÈUnterproduktivitŠtÇ aufgebrochen. Damit war der Weg geebnet, um das mit dem Krieg gegen die Sowjetunion zum ÈTransitlandÇ aufgewertete Generalgouvemement mšglichst schnell zu einem produktiven, ÜberschŸsse und Gewinn erwirtschaftenden Bestandteil der EuropŠischen Wirtschaftsgemeinschaft zu machen.

Helmut Meinhold formulierte dieses KalkŸl erst offen, als das Tabu, das die škonomische Theorie der ÈEndlšsungÇ zuvor zur ÈGeheimen ReichssacheÇ gemacht hatte, gefallen war. Die zitierte Passage aus seiner Hamburg-Expertise vom Sommer 1945 war dabei keineswegs ein Ausrutscher. Vielmehr war ihm die Konzeption ÈMassenmord als Faktor wirtschaftlichen AufbausÇ, die er im besetzten Polen selbst rnitentwickelt hatte, einfach zur SelbstverstŠndlichkeit geworden. GeprŠgt von den nahezu uneingeschrŠnkten exekutiven Mšglichkeiten des Nationalsozialismus, fand er einfach nichts dabei, sie als sachrationale Argumentation in sein erstes Nachkriegsgutachten zu Ÿbernehmen. In den nun folgenden Kapiteln wollen wir zeigen, welche †berlegungen die Theorie und Praxis der Bevšlkerungspolitik ergŠnzen mu§ten, um im Sommer 1941 die erwŠhnte Gemengelage aus NeuordnungsplŠnen und kriegswirtschaftlichen ÈSachzwŠngenÇ zu erzeugen, in der aus einer aggressiven antijŸdischen Ideologie ein škonomisch und im Interesse der deutschen Herrschaft rational begrŸndetes Programm fŸr die ÈEndlšsung der JudenfrageÇ wurde. Dazu gehšrte die betriebs- und finanzwirtschaftliche Analyse der Ghettos im Januar, Februar und MŠrz 1941. Dazu gehšrten die zahllosen Analysen, die das ȆberbevšlkerungsproblemÇ in Ost- und SŸdosteuropa als entscheidendes Hindernis auf dem Weg zu einer europŠischen Gro§raumwirtschaft darstellten. Dazu gehšrten schlie§lich die PlŠne, in der Sowjetunion jenseits der Front 30 Millionen Menschen verhungern zu lassen, um Mitteleuropa von †berseeimporten unabhŠngig zu machen. Dazu gehšrte ebenso der Generalplan 0st mit dem Ziel, diesseits der Front mehr als 40 Millionen Menschen aus Polen und aus der westlichen und sŸdlichen Sowjetunion zu ermorden oder in den erst noch zu schaffenden šstlichen HungergŸrtel jenseits der neuen deutschen Ostgrenze zu vertreiben. So sollte Platz fŸr deutsche Siedlerfamilien und fŸr deutsche ProduktivitŠt und Wirtschaftsinteressen geschaffen werden. Da der Krieg gegen die Sowjetunion von vornherein auf Versklavung und Vernichtung gerichtet war und sich von dem ÈeuropŠischen NormalkriegÇ (Hillgruber) an der Westfront erheblich unterschied, hatte das auch fŸr die ÈLšsung der JudenfrageÇ einschneidende Konsequenzen: War die Èterritoriale Lšsung des JudenproblemsÇ 1940 noch mit der eher klassischen Eroberung eines Kolonialreichs in Mittelafrika verbunden worden, so nun mit einem beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungsplan, der Èdie Dezimierung der slawischen MassenÇ zum Ziel hatte. In unlšsbarem Zusamrnenhang mit diesen PlŠnen war die Ermordung der europŠischen Juden ein erster und besonders weitgehend verwirklichter Teil noch viel grš§erer Mordvorhaben.

 

Ein Berater der Macht

Helrnut Meinhold, geboren 1914 in Stargard/Pornrnern, gehšrte nach 1945 zu den ÈMŠnnem der ersten StundeÇ. Seine zweite Karriere begann noch in den Wochen vor der deutschen Kapitulation dort, wo auch die erste begonnen hatte - arn Institut fŸr Weltwirtschaft in Kiel. 1947/48 arbeitete er im Zentralarnt fŸr Wirtschaft der britischen Besatzungszone, 1949 bis 1952 leitete er das Referat Grundsatzfragen irn Bundeswirtschaftsministeriurn. Danach wurde er ordentlicher Professor in Heidelberg, seit 1952 lehrte er an der UniversitŠt in Frankfurt arn Main allgerneine Wirtschafts- und Sozialpolitik; von 1959 bis 1986 war Meinhold der wichtigste sozialpolitische Berater aller Bundesregierungen: Er leitete den Sozialbeirat, in dem Wissenschaftler, Mitglieder der Sozialversicherungen, Vertreter der Arbeitgeber und Gewerkschaften zusarnmengeschlossen sind und unter absoluter Geheimhaltung und der Moderation durch Experten ein permanentes sozialpolitisches Clearing betreiben. Im Februar 1965 machte er sich einen Namen als Schlichter in den Tarifverhandlungen der nordrhein-westfŠlischen Stahlindustrie und erfand dabei die sogenannte ÈMeinhold-FormelÇ oder ÈMeinholdsche MargeÇ, die darin besteht, in die ÈLohnfindungÇ nicht nur die ProduktivitŠtssteigerung, sondern auch die voraussichtliche Inflationsrate rnit einzubeziehen. Ein Verfahren, das er auch deswegen bevorzugte, weil ein gewisser ÈLohndruckÇ die RationalisierungsbemŸhungen in den Unternehmen verstŠrke. SelbstverstŠndlich machte sich Meinhold fŸr die EG stark, fŸr Sozialpartnerschaft und ÈVermšgensbildung in ArbeitnehmerhandÇ. Zu seinen letzten Gro§taten gehšrt die Sanierung der deutschen Rentenkassen, die nach seiner Ansicht wegen des schlechten Bevšlkerungsaufbaus der Bundesrepublik, dem hohen ÈAltenbergÇ und den steigenden ÈKrankenlastenÇ notwendig war. Dabei ist das zentrale sozialpolitische Dogma Meinholds: Alles Èmu§ reversibel bleibenÇ. Das System der sozialen Sicherung darf keine Garantien kennen: ÈWird die gegenwŠrtige Einstellung erst Norm, wird es au§erordentlich schwer sein, eine Umkehr zu bewirken, wenn es von der demographischen und finanziellen Seite her geboten erschiene. Das Handelsblatt charakterisierte Helmut Meinhold mit ungewollter HintergrŸndigkeit: ÈDerJubilar wŸnscht keinen Aufwand um seine Person. Statt wie andere in seinem Alter RŸckschau zu halten, blickt der Sozialwissenschaftler in die Zukunft.Ç 1988 verlieh ihm BundesprŠsident von WeizsŠcker das Bundesverdienstkreuz in voller Kenntnis von Helmut Meinholds Vergangenheit als einem von freilich vielen Theoretikem nationalsozialistischer Gewaltverbrechen. (Vgl. zur Biographie Meinholds: Susanne Heirn, Gštz Aly, Ein Berater der Macht. Helrnut Meinhold oder Der Zusamrnenhang zwischen Sozialpolitik undJudenvernichtung, Hamburg-Berlin 1986.)