Russische Geschichte
Überblick (aus Schmid Bd. 3)

a) Rußland im Mittelalter
Bereits im 9. Jahrhundert gab es v. a. um  Nowgorod staatsähnliche Herrschaften; um 950 bildete sich das erste russische Großreich, an dessen Spitze normannische Fürsten standen.  Das Land (Rus' genannt von finnisch Ruotsi =Ruderer, im 10. Jahrhundert Russen) hatte sein Zentrum in Kiew, das im Handel zwi-schen Skandinavien und Byzanz eine wichtige Rolle spielte. Das Christentum übernahmen die  Russen von Byzanz, ebenso das kyrillische Alphabet für die kirchenslawische Schriftsprache. Rußland wurde dadurch von der lateinisch-christlichen Kultur West- und Mitteleuropas vorerst getrennt. Im 13. Jahrhundert zerfiel das Kiewer Reich in mehrere Teilfürstentümer, z. T. auch deshalb, weil nach der Eroberung von Byzanz im 4. Kreuzzug, 1204, die wirtschaftliche Bedeutung der Hauptstadt für den Handel abnahm und weil die Fürsten nicht mehr bereit waren, sich dem Kiewer Großfürsten zu unterstellen. Um 1240 wurden die russischen Fürstentümer von den Mongolen überrannt und gerieten für 240 Jahre unter die Herrschaft der "Goldenen Horde". Die Befreiung ging von den Moskauer Fürsten aus. Diese vergrößerten durch eine planmäßige Heiratspolitik, durch Kauf und Kriege ihr Herrschaftsgebiet und erwarben 1328 vom mongolischen Chan den Titel des Großfürsten. Später gelang es ihnen, den Adel zum Kampf gegen die Mongolen zu bewegen und um 1480 Rußland von der mongolischen Herrschaft zu befreien.

Unter Iwan III. (1462-1505) übernahm das Moskauer Großfürstentum die Symbole des Doppeladlers und das Hofzeremoniell der byzantinischen Kaiser, und nach dem Untergang von Byzanz, 1453. entwickelte Rußland das Sendungsbewußtsein, Moskau sei das Dritte Rom, das Zentrum des rechten Glaubens. Italienische Architekten bauten die Kreml-Burg zur Residenz des ,,Selbstherrschers von ganz Rußland" ("Zar") aus.

b) Rußlands Aufstieg zur Großmacht in Europa und Asien
Im 16. Jahrhundert begannen die Zaren mit der Eroberung und Besiedlung Sibiriens, v. a. durch die Kosaken und Pelzhändler; sie legten damit den Grundstein zur Beherrschung des nordasiatischen Kontinents. Im Inneren brachen sie das Selbständigkeitsstreben der Adligen (v. a. Iwan IV., 1553-1584). Nach der "Zeit der Wirren" konnte das neue Herrscherhaus Romanow die Zarenherrschaft dadurch festigen, daß Alexei Michailowitsch (1645-1676) die Bauern zum persönlichen Besitz der Adligen erklärte. Zar Peter I. (1689-1725) ver-suchte sein Reich nach dem Vorbild des euro-päischen Absolutismus umzugestalten und westeuropäische Lebensformen einzuführen. Gleichzeitig erkämpfte er im Nordischen Krieg 1700-1721 gegen Schweden den Zugang zur Ostsee. Im Russischen Reich lebten fortan nicht nur Russen, Ukrainer, Kalmücken (am Kaspischen Meer), Baschkiren (im südlichen Ural) und mehrere sibirische Stämme, sondern auch Finnen, Esten und Livländer. 1713 verlegte Peter I. die Hauptstadt von Moskau nach Petersburg (seit 1924 Leningrad). Seitdem gehörte Rußland zum Kreis der europäischen Großmächte und spielte v. a. unter Katharina Il. (1762-1796) und Alexander I. (1801-1825) eine wichtige Rolle in der europäischen Politik. Es wehrte den Angriff der Großen Armee Napoleons auf Moskau ab und hatte entschei-denden Anteil an der Beseitigung der napoleonischen Herrschaft über Europa. Mit Österreich zusammen beherrschte es die europäische Politik in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts und betrieb die Auflösung des türkischen Großstaates, später auch der österreich-ungarischen Donaumonarchie. Rußlands Drang, Häfen zu besitzen, die möglichst lange im Jahr eisfrei sind, bestimmte weitgehend seine Außenpolitik seit dem 17. Jahrhundert: Peter  I. erreichte die Ostsee, seinen Nachfol-gern gelang es im 18. Jahrhundert, die ge-samte nördliche Küste des Schwarzen Meeres zu beherrschen. Im 19. Jahrhundert versuchte es, Konstantinopel und die Meerengen zu gewinnen, um die politischen Verhältnisse im Mittelmeerraum mitzubestimmen. Ähnliches gilt für die Politik im Fernen Osten. 1648 war der nördliche Teil Sibiriens erobert, doch ein weitgehend eisfreier Hafen als Zugang zum Pazifischen Ozean fehlte. Er wurde 1860 in Wladiwostok an der koreanischen Grenze an-gelegt und durch den Bau der Transsibirischen Eisenbahn 1891-1904 mit Zentralrußland verbunden. Der imperialistische Eingriff der ostasiatischen Großmacht Rußland in China hatte dagegen kein dauerhaftes Ergeb-nis. denn Port Arthur am Gelben Meer  in China ging im russisch-japanischen Krieg 1904/05 wieder verloren.

c) Die innere Entwicklung
Die absolutistische Zarenherrschaft wurde von Anfang an von der orthodoxen Kirche und vom Adel gestützt. Die Zaren beseitigten bis ins 19. Jahrhundert jeden Widerstand. Aufstände gingen v. a. von den Bauern aus, die sich oft mit den unterworfenen Völkern verbündeten. Die beinahe sklavische Leibeigenschaft, unter der die Bauern seit 1649  leben mußten, wurde erst nach der Niederlage im Krimkrieg 1861 durch Alexander II. (1855-1881) aufgehoben. Trotz der Bauernbefrei-ung und weiterer Reformen (z. B. Selbstverwaltung in Kreisen und Städten) verbesserten sich die Lebensbedingungen in Rußland nicht; v. a. reichte der landwirtschaftlich nutz-bare Boden für die steigende Anzahl der Bauern nicht aus. Die rasche Industrialisierung zwischen 1880 und 1910 verschuldete den Staat ans westliche Ausland, so daß sich die innere Krise zuspitzte. Nach der Niederlage im russisch-japanischen Krieg 1905 und im Ersten Weltkrieg 1917 entluden sich die Spannungen in den beiden (bürgerlichen) Revolutionen 1905 und im Februar 1917 und führten in der Oktoberrevolution 1917 zur Machtübernahme der Bolschewisten. Lenin und die Sowjets nahmen als erste Maßnahme nach der Revolution den adligen Gutsbesitzern den Grund und Boden weg und zogen damit die Bauern auf ihre Seite.

d) Der Aufstieg zur Weltmacht
Stalin verwandelte nach dem Bürgerkrieg die Sowjetunion ab 1928 in einen modernen Staat, beseitigte die private Bauernwirtschaft (Zwangskollektivierung) mit den Mitteln der Planwirtschaft und setzte unter riesigen Opfern die Industrialisierung durch. Nach der Abwehr der deutschen Angriffe vor Moskau 1941 und in Stalingrad 1943 im Zweiten Weltkrieg besetzten die sowjetischen Armeen 1945 Ost- und Mitteleuropa bis zur Elbe und gliederten nach 1945 die Staaten von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer in den Ostblock ein. (Errichtung von "Satellitenstaaten" des Warschauer Pakts und des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe.)

 

Die wichtigsten Aufstände der Zeit von 1606-1825

1606-07 1. Bauernkrieg unter der Führung von Bolotnikow, einem entlaufenen Unfreien und Kosaken. Er sammelte ein Heer in der Ukraine und organisierte einen Feldzug bis nach Moskau, um den Zaren abzusetzen und an seine Stelle einen .,guten" Zaren zu setzen.
1667-71 Bauernaufstand an der mittleren und unteren Wolga unter Stepan Rasin mit Beteiligung nichtrussischer Völker. Rasin setzte sich für einen (falschen) Thronfolger ein, der die Gerechtigkeit im Lande wiederherstellen wollte.

1707-08 Aufstand der Don-Kosaken und Bauern unter Führung von Konrad Bulawin.

1773-75 Bauern- und Kosakenaufstand im Gebiet zwischen Ural und Don unter Führung des Don-Kosaken Pugatschow. Es ist der größte Bauernaufstand der russischen Geschichte. Die nichtrussischen Völker im Wolgagebiet schlossen sich an. Pugatschow nann-te sich Zar Peter III.; er versprach, nach seinem Sieg keine Aushebungen von Soldaten mehr vorzuneh men, keine Steuern zu erheben und die Macht der Großgrundbesitzer zu beseitigen.

1825 Dekabristenaufstand (russ. dekabr = Dezember). Adlige Aufständische entwarfen eine Verfassung für Rußland und veranlaßten 3 000 Soldaten, den Eid auf den neuen Zaren zu verweigern.

Das Dekret über den Grund und Boden 26. 10. 1917
Der Einfluß der adligen Gutsbesitzer auf die Regierung im Zarenreich war so stark, daß bis 1917 keine grundlegende Verbesserung der Lage der Bauern eintrat. Die Bevölkerungszunahme nach 1861 verstärkte sogar noch den Landhunger der Bauern. Nach Beginn der Februarrevolution 1917 hofften die Dorf-bewohner auf eine grundlegende Bodenreform, wurden jedoch enttäuscht. Erst nach der Machtübernahme der Bolschewisten in der Oktoberrevolution vom 24.-26. Oktober 1917 ging ihr Wunsch in Erfüllung. Der 2. Sowjetkongreß beschloß als erste innenpolitische Maßnahme nach der Oktoberrevolution das

"Dekret über den Grund und Boden".
"§ 1 Das Eigentumsrecht der Gutsbesitzer an Grund und Boden wird sofort und ohne jede Entschädigung aufgehoben.

§ 2 Die gutsherrlichen Ländereien ebenso wie die Ländereien der Kloster- und Kirchendomänen mit dem gesamten lebenden und toten Inventar, mit den Gutsgebäuden und allem Zubehör gehen bis zur Einberufung der Nationalversammlung in die Verwaltung der Bezirks-Agrarkomitees und der Kreis-Sowjets der Bauerndelegierten über... Das Land der als gemeine Soldaten dienenden Kosaken und Bauern wird nicht beschlagnahmt."

Die Kreis-Sowjets der Bauern übergaben daraufhin weite Teile des gutsherrlichen Landes den Landwirten, die es zunächst privat nutzten und dafür Naturalabgaben abzuliefern hatten. Die private Bauernwirtschaft verschwand in der Sowjetunion erst mit der Einrichtung von Kolchosen (Kollektivierung der Landwirtschaft 1929).