Schweizergeschichte © Hk 2000


Inhalt:
1. Die Anfänge
2. Die Alte Eidgenossenschaft
3. Die Helvetik (1798-1803)
4. Die Mediation (1804-1815)
5. Der Bundesvertrag 1815/1816
6. Regeneration: Auf dem Weg zur modernen Schweiz
7. Sonderbundskrieg
8. Moderne Schweiz (Chronologie 1848-2000)

1. Die Anfänge

Ein fixes Gründungsdatum für die Schweiz gibt es nicht.

Sicher ist, dass die Eidgenossenschaft nicht um 1291 gegründet wurde; die Gründungsideen um 1291 sind eine Erfindung des 19.Jh. (Zentenarfeier 1891) und historisch keineswegs belegbar, eher widerlegbar: Habsburgische Burgen, die von den Eidgenossen geschleift sein sollen, gab es gar nicht, Belege für den Rütlischwur und für Wilhelm Tell gibt es nicht, der sogenannte Bundesbrief (Anfang August 1291) als einziges Dokument, das auf einen Aufstand hinweisen könnte, bestätigt im Gegenteil den Willen der Mächtigen jener Zeit, nichts an den Herrschaftsbedingungen zu rütteln, ist aber kein staatsgründendes Dokument, ein Freiheitsdokument schon gar nicht, eher im Gegenteil, und richtet sich gegen Aufständische im eigenen Land, nicht gegen eine "Besatzungsmacht". Chroniken erst aus dem 15.Jh. erzählen rückblickend Heldengeschichten aus der "Gründungszeit", ihre historische Glaubwürdigkeit ist aber äusserst gering.

Seit Schillers Theaterstück "Wilhelm Tell" (uraufgeführt 1804), das Schiller im Hinblick auf deutsche Zustände verfasst hat, hat man aus politischen Gründen die mythischen Episoden zu einem heldenhaften Freiheitskampf hochstilisiert, galt es doch, den Kampfeswillen gegen ausländische  Mächte wie Österreich, ev. auch Napoleons Frankreich, dann auch gegen Deutsche (Weltkriege) und andere Feinde (Kommunistenschreck) zu schüren. Lehrpläne forderten bewusst die Behandlung der "Schweizergeschichte" anhand von Schillers Theaterstück, weil das passender schien als die historischen Fakten.

Ein erstes gemeinsames eidgenössisches Auftreten (in Offensivkriegen) ist ab 1360 zu vermerken; offiziell wurde die Schweiz aber erst 1648 (Westfälischer Friede) aus dem Deutschen Reich entlassen.  Als weitere Gründungsdaten kommen in Frage:
1799 wurde die Helvetik gegründet, aber als französischer Satellitenstaat.
1815 (am Wiener Kongress) schaffte der neue Bundesvertrag lockere Verbindungen zwischen den im Prinzip selbständigen Kantonen.
1848 wurde nach dem Sonderbundskrieg (konservative gegen modernere Kantone) eine moderne Verfassung angenommen; seither gibt es eine Schweiz.
1872 wurde die Verfassung totalrevidiert und entspricht im Kern unserer Verfassung bis 1999.
Historiker schlagen heute als plausibelstes Gründungsdatum der Schweiz das Jahr 1848 vor.

Die Legende (gemäss Chroniken des 15.Jh. und Schillers "Wilhelm Tell")

Die österreichischen Vögte malträtierten die Bevölkerung in den innerschweizerischen Talschaften. Diese schlossen sich deswegen (Rütlischwur) zu einer freiheitsliebenden Widerstandsorganisation zusammen, und nachdem Wilhelm Tell mit der Ermordung des Habsburger Tyrannen Gessler (Apfelschuss in Altdorf) vorgeprescht war, schleiften sie habsburgische Burgen und waren fortan frei. Die Österreicher wollten das nicht dulden, deshalb hatten die Schweizer zahlreiche siegreiche Schlachten (Morgarten, Sempach etc.) zu bestehen.
 

2. Die Alte Eidgenossenschaft

In einer ersten Phase unternahmen innerschweizerische Talschaften militärische Ausflüge in die benachbarten Gebiete und eroberten sich gemeinsame Herrschaften. Nach und nach schlossen sich umliegende Orte dem Militärbündnis an. Mit der Niederlage von Marignano (1515) gegen Frankreich endete die relativ unabhängige Politik der Schweizer Talschaften: Seither liessen sich viele Eidgenossen in ausländischen Heeren, v.a. in Frankreich (1521 Soldbündnis der alten Eidgenossen mit Frankreich), aber auch in Österreich und anderswo anwerben (Bevölkerungsüberschuss in der Schweiz).
Ebenfalls Anfang des 16.Jh. brach in verschiedenen Orten (Zürich, Bern, Basel etc.) die Reformation aus. Die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten zerstörten das ohnehin labile Zusammengehörigkeitsgefühl der alten Eidgenossen. Zwar existierte die Tagsatzung (Delegiertenversammlung aus den einzelnen Orten) fort, war aber weitgehend handlungsunfähig, da es für jeden Beschluss der Einstimmigkeit bedurfte und das gegenseitige Misstrauen (Religion, Stadt-Land-Gegensatz) gross war. Einzelne Kantone, v.a. das übermächtige Bern, führten aber Eroberungskriege auf eigene Rechnung (Burgunderkriege).

Die Eidgenossenschaft bestand aus
selbständigen Orten (13): UR, SZ, NW/OW,  LU, GL, ZG, FR, BE, ZH, SO, BS/BL, SH, AI/AR,
zugewandten Orten (die nur mit einem oder wenigen selbständigen Orten lockere Militärbündnisse eingegangen waren) SG, GR, VS, NE, GE, Bistum Basel, Mulhouse
gemeinen Herrschaften: Freiamt, TG, TI, Rheintal/Sargans, Murten, Estavayer, Yverdon, Gruyère etc.
und Untertanengebieten einzelner Orte(Untertanengebiete unter freien Orten sind in der Karte nicht vermerkt, z.B. basellandschaftliche Gemeinden unter Basel; AG, VD unter Bern, etc etc.
Untertanengebiete unter zugewandten Orten: Unterwallis unter Oberwallis;Veltlin etc. unter GR.
Die Verhältnisse in der Alten Eidgenossenschaft sind hier vereinfacht wiedergegeben.

Eine gemeinsame Politik der eidgenössischen Orte gab es bloss in Militärfragen, aber auch hier nur teilweise.
Die alte Eidgenossenschaft vor 1798:
 

3. Die Helvetik (1798-1803)

1798 geriet das Gebiet der heutigen Schweiz unter französische Kontrolle. Das einzelnen Gebiete empfingen die französischen Truppen teils als Befreier, teils als Eroberer. Widerstand gab es vereinzelt, am stärksten von Bern, wo es am Grauholz zu einer fürchterlichen Schlacht kam. Später kam es in einigen Gebieten, v.a. in der Innerschweiz (Stans) zu Aufständen gegen die französische Besatzung. Die Franzosen nahmen die Schweiz nicht ganz ein, da von Osten her österreichische und russische Truppen die Ost-Eidgenossen "schützten". Bis 1804 war die Schweiz (zum letzten Mal) internationaler Kriegsschauplatz.
Die Franzosen schlugen einige Gebiete zu Frankreich: das Wallis, Genf und den Jura. Die übrigen Gebiete wurden neu eingeteilt und unter ein Direktorium nach französischem Muster gestellt; ein Parlament wurde gewählt, Untertanenverhältnisse gab es nicht mehr. - Die Helvetik nahm viele Reformen an die Hand, z.B. wurde der Schweizerfranken eingeführt, aber sie funktionierte nicht
- weil die finanziellen Mittel fehlten: Kriegszahlungen, keine nennenswerten Einnahmen
- weil das Land im Chaos war: Kriegszustand, Aufstände, Hunger, passiver Widerstand
- weil das System als fremd empfunden wurde: Alle Traditionen galten nicht mehr, die bisher herrschende Schicht war entmachtet, anderen fehlte zwangsläufig das Durchsetzungsvermögen.
Nach dem offensichtlichen Scheitern lud Napoleon Schweizer Delegierte (die Konsulta) nach Paris ein, um dort eine neue Verfassung ausarbeiten zu lassen. Da eine Einigung unter den eidgenössischen Delegierten unmöglich war, diktierte Napoleon dann die Mediationsverfassung.
 

4. Die Mediation (1804-1815)

Mit der Mediationsverfassung gelang Napoleon ein grosser Wurf. Er schrieb drei Kantonsverfassungs-Typen, die den kantonalen Gegebenheiten jeweils entgegenkamen, eine für die Landsgemeindekantone, eine für die aristokratischen Kantone und eine für die modernen demokratischen Kantone. Die Schweiz wurde von einer Tagsatzung geleitet, wo das Mehrheitsprinzip galt (nicht mehr Einstimmigkeit notwendig). Damit wurde die Schweiz handlungsfähig. In der Aussenpolitik und in der Militärpolitik musste sich die Schweiz allerdings den Interessen Frankreichs beugen.
Die neuen Verfassungen wurden in der Schweiz sehr gut aufgenommen.  Da nach der Helvetik die Schweiz kein zentraler Kriegsschauplatz mehr war, kehrte Ruhe ein, mehr Ruhe jedenfalls als in den direkt am Krieg beteiligten Nachbarländern, und die Schweiz konnte sich in dieser Zeit sowohl politisch als auch wirtschaftlich prächtig entfalten. Die Kontinentalsperre Napoleons, die das fortschrittliche England vom europäischen Handel fernhielt, war für die Schweiz eine Chance, die sie auch gut nutzte.Während der Mediation wurden die Verkehrswege ausgebaut, die Maschinenindustrie blühte auf,  die obligatorische Schulpflicht wurde eingeführt usw. Die Jahre der Mediation waren so gut, dass man sich nach der Niederlage Napoleons und der Machtübernahme durch die alten Kräfte (nach 1815) immer mehr nach dieser Zeit zurücksehnte.
 

5. Der Bundesvertrag 1815/1816

Nach der Niederlage Napoleons wurde die Schweiz von den Grossmächten aufgefordert, sich eine neue Verfassung zu geben. Die Interessen waren aber sehr widersprüchlich. So drängten die Berner nach der alten Vorherrschaft über die Waadt und den Aargau, diese wollten aber ihre Freiheiten behalten. Städte (z.B. Basel) wollten wieder die Dörfer der Umgebung beherrschen, aber das Landvolk wollte das nicht akzeptieren. Klöster beanspruchten wieder ihre alten Territorien, der Adel wollte seine Vorrechte etc. Die Pateien schickten sich bekämpfende Delegationen nach Wien und nach Paris und suchten Unterstützung für jeweils ihre Sache bei den Grossmächten. In diesen inneren Widersprüchen schien die Schweiz zu ersticken.
Die Rettung kam durch ausländische Gesandte, die sich um die Schweiz kümmerten. Vor allem der Abgeordnete des Zaren, Capodistria (ein Grieche), kämpfte für das Zustandekommen eines halbwegs fortschrittlichen Bundesvertrags. Der Zar, der vom Waadtländer La Harpe grossgezogen worden war, wollte - entgegen seinen sonstigen politischen Prinzipien - nicht zulassen, dass die Berner Aristokraten wieder ihre alten Rechte in der Waadt wahrnehmen konnten. Auch England (Castlereagh) förderte die Idee einer neuen Ordnung, nur der österreichische Delegierte (Lebzeltern) setzte sich kompromisslos für die vollständige Herstellung der alten Ordnung ein.
Ebenfalls Entscheidendes zur Entstehung des Bundesvertrags trug der Genfer Pictet de Rochemont bei, der in geschickter Weise (fast als einziger) die Gesamtinteressen der Schweiz vertrat.
Schliesslich konnte 1815 der Bundesvertrag von den Grossmächten abgesegnet und garantiert werden. Der Bundesvertrag brachte zwar einige Rückschritte gegenüber der Mediation, sicherte aber im Wesentlichen die Integrität und Gleichberechtigung der neuen Kantone, legte die Schweizer Grenzen fest (Gebietszuwachs für die Schweiz um Genf, das Fricktal kam neu zur Schweiz etc.) und verhinderte eine völlige Rückkehr zur alten Ordnung, die früher oder später zum Auseinanderfallen der Schweiz geführt hätte.
 

6. Regeneration: Auf dem Weg zur modernen Schweiz

Die Zeit zwischen 1815 und 1845 gilt in Europa als konservative Zeit, wo die meisten demokratischen Reformen der Napoleon-Zeit zurückbuchstabiert wurden, wo alte Machthaber das Volk gängelten und sorgsam darauf achteten, dass ja niemand anders denkt. Es ist eine Zeit der Konsolidierung oder der Erstarrung.
In der Schweiz gilt dies nur für die Zeit von 1815-1830. Da 1816/17 Hunger in der Schweiz herrschte, verbanden viele die Herrschaft der alten Mächte mit negativen Erfahrungen, und der Druck, in der ganzen Schweiz demokratische Neuerungen durchzusetzen, wuchs. Nach 1830 wurden etliche konservative Kantonsregierungen durch Reformer gestürzt resp. abgelöst, und um 1845 schien eine Mehrheit der Schweizer Kantone fortschrittlich gesinnt zu sein. Die Mehrheitsverhältnisse schienen den Traum der « Radikalen » der Erfüllung näher zu bringen, eine neue, stärkere demokratische Schweizer Zentralregierung schaffen zu können.
Die konservativen Kantone fürchteten sich davor; die Jesuiten in Luzern wüteten mit Worten von der Kanzel, und schliesslich schlossen sich LU, UR, SZ, OW, NW, ZG, FR, VS zum - bundesvertragswidrigen - Sonderbund (1847) zusammen. Nach ihrer Niederlage hat die « Urschweiz » ihren Führungsanspruch verloren, Zürich wurde zum Zentrum der modernen Schweiz.
Die Zeit von 1830 - 1845 wird auch Regenerationszeit genannt. Sie war geprägt durch die Auseinandersetzung der Konservativen (urspr. auch Katholiken) gegen die Fortschrittlichen, meist protestantischen Kantone. Aus den Radikalen entstand später die Freisinnige Partei, lange die alleinige Mehrheitspartei, aus der konservativen Bewegung entstand die Katholisch-Konservative Partei (KK), die sich später in CVP umbenannte.
Die Jesuiten galten als die Drahtzieher der Konservativen und wurden dann per Verfassung verboten.  Erst ungefähr um 1970 wurde der Artikel aus der Bundesverfassung gestrichen.

In die Regenerationszeit fällt auch die Teilung des Kantons Basel. Die Landgemeinden wehrten sich gegen die Ansprüche der machthabenden Basler Aristokraten, es kam zu einer brutalen Schlacht auf der Hülftenschanz, nach der dann schliesslich die siegreichen Landgemeinden ihre Unabhängigkeit durchsetzen konnten (1833).

Die Regenerationszeit brachte aber auch eine rasante wirtschaftliche Entwicklung. Bahnen wurden gebaut, Flüsse schiffbar gemacht, die Industrialisierung nahm ihren vollen Lauf.
 

7. Sonderbundskrieg

8. Moderne Schweiz (Chronologie 1848-2000)